{"id":11069,"date":"2020-10-01T17:58:48","date_gmt":"2020-10-01T15:58:48","guid":{"rendered":"https:\/\/magazine.swissinformatics.org\/?p=11069"},"modified":"2022-07-02T12:15:32","modified_gmt":"2022-07-02T10:15:32","slug":"neurography","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/magazine.swissinformatics.org\/de\/neurography\/","title":{"rendered":"NEUROGRAPHY"},"content":{"rendered":"<p>Irgendwie erkennt man Gesichter. Und irgendwie alte Meister. Aber irgendwie ist\u2019s auch ein bisschen bea\u0308ngstigend. Die Bilder sind Teil von Mario Klingemanns Video-Arbeit \u200b79530 Selfportraits\u200b, bei welcher der Ku\u0308nstler ein neuronales Netzwerk ausschliesslich mit Portraits von alten Meistern trainiert hat. Die ku\u0308nstliche Intelligenz, welche mithilfe einer Webcam \u00absieht\u00bb, erkennt nun so ziemlich u\u0308berall Gesichter &#8211; auch wenn diese nur mit Kugelschreiber auf Mario Klingemanns Finger gemalt sind. Sie ist quasi spezialisiert auf Gesichtserkennung und versucht erkannte Gesichter mo\u0308glichst a\u0308hnlich den bekannten Portraits zu machen.<\/p>\n<div title=\"Page 1\">\n<p>Mario Klingemann hat weder Informatik noch Kunst studiert, und doch findet er sich mit seinem Schaffen irgendwo dazwischen wieder. \u00abIch war nie gut im Malen\u00bb, sagt er, \u00abich habe aber visuelle Ideen. Deshalb benutze ich Maschinen.\u00bb1 Sein Ziel dabei war, neue Sachen zu entwickeln, die er nur punktuell kontrollieren will oder kann. Die Algorithmen sind so geschrieben, dass sie die Bilder mo\u0308glichst ohne sein Dazutun gestalten. Er will sich u\u0308berraschen lassen.<a href=\"http:\/\/www.m945.de\/wissen\/koennen_computer_kunst.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">2<\/a> Mit seinen neuronalen Netzwerken gelingt ihm genau das, denn er trainiert das Netzwerk gezielt, initiiert damit dessen Schaffensprozess und sieht sich dann die Resultate an.<\/p>\n<p>Was dabei rauskommt, ist eine Fu\u0308lle an Entwu\u0308rfen. Tausende werden generiert, doch nur wenige sucht er sich aus. Klingemann nennt diese Technik \u00abNeurography\u00bb. Den Begriff gibt es bereits in der Medizin, aber er gibt ihm einen neue Bedeutung: Er la\u0308sst die Neuronen \u00abzeichnen\u00bb und erstellt damit quasi eine virtuelle abstrakte Welt in der er umhergeht und Bilder entnimmt. Er erstellt diese Welten und Ra\u0308ume selber, mischt sie miteinander und macht eine Auswahl von Resultaten. Wie ein Fotograf sucht er aus der Fu\u0308lle an Material spannende Motive heraus. Und auch wie beim fotografieren variiert er bei interessanten Motiven den Ausschnitt oder den Winkel und erstellt so verschiedene Varianten des Gleichen aus denen er die Besten auswa\u0308hlen kann.<\/p>\n<p><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-11081 \" src=\"https:\/\/magazine.swissinformatics.org\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/Klingemann1-194x300.jpg\" alt=\"Klingemann Bild 1\" width=\"354\" height=\"462\" \/><\/p>\n<p>Das Experimentieren spielt eine essenzielle Rolle in seiner Arbeit. Dennoch braucht er eine Vorstellung, wie das Endprodukt aussehen soll, damit Mario Klingemann sich mit seinen Experimenten immer na\u0308her an diese Idee herantasten kann und diese zugleich mit den Experimenten erweitern kann. Denn sein Ziel ist es, Bilder zu entwickeln, die neu sind, und nicht nur an Bestehendes und Bekanntes erinnern.<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=FjgZAAQzhGo\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">3<\/a><\/p>\n<p>Viele der Bilder, welche mit dieser Technik entstehen, erinnern an surrealistische Werke. Das traumartige la\u0308sst sich unschwer erkennen. Seine Arbeit wird auch in Verbindung gebracht mit jener von Max Ernst, der mit seinen Frottages versuchte, neue Formen zu finden. Max Ernst ging es darum Vorschla\u0308ge zu finden, die in seinem eigenen Repertoire nicht enthalten waren &#8211; eine sehr a\u0308hnliches Ziel, wie es Klingemann heute verfolgt, einzig mit einer anderen Technik, respektive mit einem anderen Werkzeug. Die Bilderzeugung liegt bei Max Ernst viel mehr noch in seinen eigenen Ha\u0308nden. Mario Klingemann hat Mitarbeiter. Der Computer schafft fu\u0308r ihn nach Auftrag, Klingemann ist der Auftraggeber und Entscheidungstra\u0308ger.<\/p>\n<\/div>\n<div title=\"Page 2\">\n<p>Im Prinzip ist diese Arbeitsweise von Mario Klingemann nichts Neues. Seit jeher hatten Ku\u0308nstler Mitarbeiter und Assistierende. Jedoch benutzt Klingemann ein neuronales Netzwerk, der nach dem Versta\u0308ndnis einiger Menschen selber denkt. Sollte sich Mario als Ku\u0308nstlerduo bezeichnen? Ist nun das neuronale Netzwerk oder Mario Klingemann kreativ? Wer von den beiden ist kunstschaffend? Eine Frage nach der Autorschaft, welche sich bei dieser Vorgehensweise vielleicht je la\u0308nger desto mehr stellt.<\/p>\n<p>Ein auf jeden Fall weiterer interessanter Aspekt von Mario Klingemanns Arbeit ist, dass er mit der Perspektive eines Ku\u0308nstlers andere Fragen stellt denn jene, die WissenschaftlerInnen verfolgen. Seine Arbeit hat dadurch ein Potenzial, das Medium und dessen Mo\u0308glichkeiten weiter zu bringen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es ist weiterhin fraglich, ob die von der Maschine nach einem Algorithmus erstellten Portraits auch wirklich Portraits im klassischen Sinne sind. Kann das neuronale Netzwerk den Charakter und Gefu\u0308hle einer Person erfassen, wie es ein Mensch und wohl mehr noch ein Portraitmaler oder Fotograf in der Lage ist? Die ku\u0308nstliche Intelligenz von Mario Klingemann geht auf diesen Aspekt nicht ein. Vielmehr wird die Art und Weise, wie alte Meister Portraits gemalt haben auf die von ihm gesuchten Bilder u\u0308bertragen. Was jedoch genau die Kriterien sind, nach der die ku\u0308nstliche Intelligenz entscheidet, ko\u0308nnen wir ho\u0308chstens nach eingehendem Studieren der entstandenen Bilder erahnen, jedoch nie abschliessend bestimmen. Und einzig Mario Klingemann kann eingreifen und aus der Menge an Bildern jene Portraits auswa\u0308hlen, die den Charakter der Person am ehesten wiedergeben. Genauso wie auch er entscheidet, welche Bilder interessant sind.<\/p>\n<p>Mario Klingemann sagt, dass die Entwicklung der menschlichen Kultur immer parallel lief zur Entwicklung der Werkzeuge. Somit macht er eigentlich nur den na\u0308chsten logischen Schritt. Und wie bei jedem Werkzeug will der Umgang damit gelernt sein, bevor man Meisterwerke vollbringen kann. Mario Klingemann begreift also die Ku\u0308nstliche Intelligenz vielmehr als Werkzeug als als eigensta\u0308ndige kognitive Einheit.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-large wp-image-11077\" src=\"https:\/\/magazine.swissinformatics.org\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/Klingemann2-1024x529.png\" alt=\"Klingemann Bild 2\" width=\"1024\" height=\"529\" srcset=\"https:\/\/magazine.swissinformatics.org\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/Klingemann2-1024x529.png 1024w, https:\/\/magazine.swissinformatics.org\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/Klingemann2-300x155.png 300w, https:\/\/magazine.swissinformatics.org\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/Klingemann2-768x397.png 768w, https:\/\/magazine.swissinformatics.org\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/Klingemann2.png 1440w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/p>\n<p>Alle uns vorhandenen Werkzeuge ko\u0308nnen zur Produktion von Kunst verwendet werden, wieso also nicht auch maschinelles Lernen? Auch die Fotografie hat in ihren Anfa\u0308ngen Ku\u0308nstler erschreckt, denn der Sinn und Nutzen ihrer bisherigen Arbeit war auf einen Schlag gefa\u0308hrdet durch das Werkzeug, welches ihr Bestreben mit einem Schlag besser erzielt als sie es mit der Malerei in der Lage waren. Schlussendlich liess sich aber erkennen, dass die Fotografie vielmehr ein Segen denn ein Fluch war. Die Malerei entwickelte sich weiter, sie raste fo\u0308rmlich durch mehrere Stilrichtungen innert weniger Jahrzehnte.<a href=\"https:\/\/www.spektrum.de\/news\/kreativitaet-aus-der-maschine\/1557286\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">4<\/a><\/p>\n<p>Ob das maschinelle Lernen den gleichen Einfluss auf die Ku\u0308nste haben wird &#8211; sie kann ja nicht nur Bilder, sondern auch Musik und vieles weiteres entstehen lassen &#8211; wird sich zeigen. Auf jeden Fall lassen sich anhand der Arbeit von Mario Klingemann viele aktuelle dra\u0308ngende Fragen der Kunst in der heutigen Zeit diskutieren. Insofern freut es uns, hier einen Vortrag von ihm anku\u0308ndigen zu ko\u0308nnen.<\/p>\n<p>Mario Klingemann wird am 4. Oktober 2018 von 17:30 bis 18:30 sein Schaffen im Talk \u00abInstruments of Creation\u00bb pra\u0308sentieren. Der Event findet an der ETH Zu\u0308rich im Geba\u0308ude CAB, Universita\u0308tstrasse 6, Raum G11 statt.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Irgendwie erkennt man Gesichter. Und irgendwie alte Meister. Aber irgendwie ist\u2019s auch ein bisschen bea\u0308ngstigend. Die Bilder sind Teil von Mario Klingemanns Video-Arbeit \u200b79530 Selfportraits\u200b, bei welcher der Ku\u0308nstler ein neuronales Netzwerk ausschliesslich mit Portraits von alten Meistern trainiert hat. 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