{"id":13201,"date":"2020-11-19T16:36:44","date_gmt":"2020-11-19T15:36:44","guid":{"rendered":"https:\/\/magazine.swissinformatics.org\/interview-zum-worlddidac-award-2020-mit-regula-lacher-und-jacqueline-staub\/"},"modified":"2021-01-19T08:49:48","modified_gmt":"2021-01-19T07:49:48","slug":"interview-lacher-und-staub","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/magazine.swissinformatics.org\/de\/interview-lacher-und-staub\/","title":{"rendered":"Worlddidac Award 2020: Interview mit Regula Lacher und Jacqueline Staub"},"content":{"rendered":"<p>Seit kurzer Zeit ist das Fach Informatik in den Schulalltag integriert. Die Vermittlung der informatischen Denkart als Aufgabe dieses neuen Schulfaches ist das Ziel des Ausbildungs- und Beratungszentrums der ETH Z\u00fcrich, ABZ. Im Mittelpunkt des Unterrichts steht die Entwicklung der relevanten Informatikkonzepte. Dabei sollen die Lernenden die von Menschen gestaltete technische Welt verstehen, steuern und mitgestalten lernen. Sie werden informatisch handlungsf\u00e4hig, die konstruktive Denkweise dieser technischen Disziplin sollen sie verinnerlichen und m\u00f6glichst auf andere technische, aber auch nichttechnische Fachgebiete \u00fcbertragen. So f\u00f6rdert der Informatikunterricht zum Beispiel im sprachlichen Bereich die F\u00e4higkeit des Kommunizierens oder im mathematischen die Abstraktionsf\u00e4higkeit und das probleml\u00f6sende Denken. Ideal w\u00e4re es, wenn ein derartiger Informatikunterricht begeistert f\u00fcr informatische und technische Berufe, in jedem Fall bereitet er auf den digitalen Alltag vor!<\/p>\n<p>Somit ist es nicht \u00fcberraschend, dass die neue Lehrmittelreihe \u201e<em>einfach <\/em>INFORMATIK\u201c, entwickelt am ABZ in Zusammenarbeit mit der PHGR und praktizierenden Lehrpersonen, den Worlddidac Award 2020 erhalten hat. Mit dieser Lehrmittelreihe steht der Schweiz zum ersten Mal ein Lehrmittel f\u00fcr Informatik zur Verf\u00fcgung, das sich nicht an der Oberfl\u00e4che der Nutzung digitaler Technologie bewegt, sondern das die Kreativit\u00e4t der Kinder und Jugendlichen f\u00f6rdert und sie das Gestalten und Erfinden lehrt.<\/p>\n<p>Elke B\u00fclow spricht mit Regula Lacher und Jacqueline Staub, die als Autorinnen und Programmier- und Lernumgebung-sentwicklerinnen wesentlich zu dem Erfolg dieser Lehrbuchreihe beigetragen haben.<\/p>\n<p><em>Bei der diesj\u00e4hrigen Worlddidac Evaluation wurde \u201e<strong>einfach <\/strong><\/em><strong>INFORMATIK<em> 5\/6\u201c <\/em><\/strong><em>als p\u00e4dagogisch wertvoll und innovativ eingesch\u00e4tzt. Herzlichen Gl\u00fcckwunsch zum renommierten Worlddidac Award 2020! <\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>INTERVIEW<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>\u00a0Elke B\u00fclow: Die Lehrbuchreihe<\/strong> <strong>f\u00fcr die Primarstufe 5\/6 f\u00fcr die Lernenden und Lehrenden tr\u00e4gt den Titel \u201e<em>einfach<\/em> INFORMATIK\u201c. Warum habt Ihr diesen Titel gew\u00e4hlt?<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p><strong>Regula Lacher: <\/strong>Der Titel sollte die \u00c4ngste, die oft verbunden sind mit der Einf\u00fchrung eines neuen Faches, mildern. Die Lehrmittel zeigen auf, wie man verst\u00e4ndlich, anschaulich und mit grosser Freude am Lernen und Lehren die informatische Denkweise in die Schule bringen kann.<strong><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p><strong>Jacqueline Staub: <\/strong>Informatik wurde erst k\u00fcrzlich im Rahmen der Schulreform Lehrplan 21 ins Schweizer Schulsystem eingef\u00fchrt. Folglich stehen momentan viele Lehrpersonen vor der herausfordernden Aufgabe ein Fach zu unterrichten, welches sie selbst nie als Teil ihrer eigenen Schulausbildung besucht haben. Diese Situation bietet N\u00e4hrboden f\u00fcr \u00c4ngste und Sorgen, die mit Fachbegriffen wie \u201eProgrammieren\u201c oder \u201eKryptografie\u201c einhergehen k\u00f6nnen. In der Lehrmittelreihe \u201e<em>einfach<\/em> INFORMATIK\u201c finden Lehrpersonen eine Auswahl klassischer Informatik-Themen, die allerdings ansprechend und altersgerecht aufbereitet sind und neugierig machen auf mehr. Die Informatik wird\u00a0authentisch\u00a0dargestellt, bleibt allerdings immer zug\u00e4nglich und verst\u00e4ndlich f\u00fcr die Zielstufe. Der Inhalt ist also nicht mehr und nicht weniger als einfach Informatik, didaktisch sorgf\u00e4ltig aufbereitet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>B\u00fclow: Informatische Themen sind jetzt obligatorisch im Lehrplan der Schule verankert. Euer Ziel ist es, zum Prozess der Einf\u00fchrung beizutragen. Was zeichnet Eure Lehrmittel im Vergleich mit anderen aus?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Staub: <\/strong>Mit der Einf\u00fchrung der Informatik ins Schulsystem erhalten Kinder und Jugendliche die Gelegenheit, die von Menschenhand erschaffene Welt der Technologie im Detail zu studieren und sich aktiv damit zu befassen. Ein Problem besteht darin, dass die Informatik eine sehr schnelle Entwicklung vollzieht und jedes Jahr neue und noch ausgekl\u00fcgeltere Technologien entstehen. Wir sind der \u00dcberzeugung, dass ein nachhaltiger Lerneffekt mitunter dadurch erreicht werden kann, dass Lernende nicht nur die fertigen Produkte der Wissenschaft auswendig lernen, sondern deren Entwicklungsprozess von Grund auf selbst durchmachen. Unsere Lehrmittel beginnen mit den Wurzeln der Informatik (teilweise mehrere\u00a0Millennien\u00a0vor der heutigen Zeit) und erm\u00f6glichen es den Lernenden dann dieselben Erkenntnisse zu gewinnen wie die Experten der damaligen Zeit und\u00a0ihre\u00a0Vorgehensweisen kontinuierlich zu verbessern &#8211; sie befinden sich auf den Spuren der Entwicklung der informatischen Denkweise selbst.\u00a0Etwas, wodurch sich die Lehrmittelreihe \u201e<em>einfach<\/em> INFORMATIK\u201c also auszeichnet, ist ein durchgehender Spiralansatz, sowohl innerhalb der einzelnen Lehrmittel wie auch \u00fcbergreifend \u00fcber die gesamte Lehrmittelreihe, die bald s\u00e4mtliche Jahrgangsstufen der Volksschule abdecken wird.<strong><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p><strong>Lacher: <\/strong>Wir unterrichten nicht den Umgang mit der IT, bringen kein faktografisches Wissen und ber\u00fchren die informatischen Themen nicht nur auf der Oberfl\u00e4che. Wir lassen die Kinder entdecken, entwickeln, konstruktiv bauen und die Produkte ihrer Arbeit auf deren Eigenschaften oder Funktionalit\u00e4ten hin untersuchen. Dadurch entsteht nachhaltiges Wissen und hohe Motivation. Mit den Lehrmitteln haben wir Projekte mit mehr als 15\u2018000 Kindern durchgef\u00fchrt und unser Hauptproblem war und ist, die Kinder in die Pause oder nach Hause zu schicken \u2013 so sehr sind sie in ihre Arbeit vertieft und wollen nicht aufh\u00f6ren, bevor sie sie beendet haben! Die Konzentration der Kinder ist dabei unglaublich hoch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>B\u00fclow: Das blockbasierte Programmieren steht f\u00fcr viele in der Primarstufe im Vordergrund. Ihr beginnt jedoch in der 5. Klasse mit dem textbasierten Programmieren. Warum ist das so und welchen Vorteil seht Ihr darin?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Staub: <\/strong>Tats\u00e4chlich wird dieser Frage momentan viel Aufmerksamkeit geschenkt. Viel wichtiger als die Frage, ob ein block- oder ein\u00a0textbasiertes\u00a0Interface verwendet wird, ist jedoch die Frage, wozu man dies macht. Wir verstehen Programmieren als eine Art der Kommunikation: Programmierern und Programmiererinnen gelingt es, eine Maschine zu steuern, indem sie die Sprache des Computers lernen. Diese Sprache ist gekennzeichnet durch einen hohen Grad an Pr\u00e4zision; Maschinen besitzen keine menschliche Intelligenz und k\u00f6nnen schon durch einfache Tippfehler m\u00e4chtig durcheinandergebracht werden. Dieser Anspruch an Pr\u00e4zision ist eine grundlegende Charakteristik des Programmierens und\u00a0sp\u00e4testens\u00a0bei der Matura sollten Lernende damit umgehen k\u00f6nnen und f\u00e4hig\u00a0sein, einfache Programme\u00a0zu schreiben in einer textbasierten Umgebung. Offensichtlich kann man denselben Anspruch nicht an alle Lernenden stellen: Jungprogrammierer, die weder lesen noch schreiben k\u00f6nnen, geschweige denn mit einer Tastatur umzugehen wissen, w\u00e4ren davon zweifelsfrei \u00fcberfordert. Am unteren Ende des Spektrums macht also der Einstieg mit einer\u00a0blockbasierten\u00a0Umgebung durchaus Sinn. Irgendwo zwischen diesen beiden Endpunkten findet dann folglich\u00a0der \u00dcbergang vom block- zum textbasierten Programmieren statt. Wir haben uns f\u00fcr einen vergleichsweisen fr\u00fchen Umstieg entschieden, sobald das Tippen auf der Tastatur kein allzu\u00a0grosses\u00a0Problem mehr darstellt, und wir haben bisher sehr gute Erfahrungen gemacht mit diesem Ansatz. Nur wenige Kinder haben Probleme damit, die textbasierte Umgebung zu verwenden dank Hilfestellungen wie beispielsweise der eingebauten und automatischen \u00dcberpr\u00fcfung der Rechtschreibung.<\/p>\n<p><strong>Lacher: <\/strong>Man kann blockbasiert oder textbasiert erfolgreich unterrichten. Es kommt mehr darauf an, welche Ziele man im Unterricht verfolgt. Wenn man blockbasiert unterrichtet, k\u00f6nnen keine syntaktischen (grammatikalischen) Fehler oder Tippfehler entstehen. Ein Programm ist nichts anderes als ein grammatikalisch richtiger Text in einer Programmiersprache. Aus der Sicht des Sprachunterrichts bedeutet blockbasiert unterrichten, farbige W\u00f6rter und S\u00e4tze umherzuschieben statt Schreiben zu unterrichten. Das System sorgt also f\u00fcr Fehlerfreiheit. Aber was ist, wenn man das Ziel verfolgt, dass die Kinder grammatikalisch korrekt schreiben k\u00f6nnen und sie hierf\u00fcr Fehler machen und daraus lernen sollen? Zus\u00e4tzlich kommt hinzu, dass in den vorhandenen blockbasierten Sprachen die Kinder es nicht schaffen, logische (fortlaufende) Fehler zu finden und zu korrigieren. In unseren Programmierumgebungen unterst\u00fctzt die Lernplattform die Kinder beim selbstst\u00e4ndigen Suchen nach logischen Fehlern. Programme zu korrigieren ist genauso eine wichtige Basiskompetenz wie Programme zu bauen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>B\u00fclow: Didaktisch verfolgt Ihr den Konstruktivismus von Jean Piaget, was Euren Ansatz ausmacht und von anderen Lehrmitteln unterscheidet. Genauer gesagt, Euer didaktisches Motto ist \u201elearning by getting things to work\u201c, was bedeutet das genau?<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p><strong>Lacher: <\/strong>Es bedeutet \u2013 und zwar nicht nur beim Programmieren \u2013 durch selbstst\u00e4ndiges, konstruktives Handeln etwas zu bauen oder zu entwerfen und dann das Produkt eigener Arbeit zu untersuchen, dar\u00fcber zu reflektieren und mit anderen zu diskutieren. Diese Diskussion hilft einerseits, um L\u00f6sungen f\u00fcr Fehler zu finden, ist aber noch viel wichtiger, um neue Motivation f\u00fcr noch bessere Produkte zu erzeugen. So lernen die Kinder ganz nat\u00fcrlich, immer neue und verbesserte Produkte zu erschaffen und sich selbstst\u00e4ndig neue Zielsetzungen zu geben. Gleichzeitig erkennen die Kinder, dass man aus Fehlern lernen kann.<\/p>\n<p><strong>Staub: <\/strong>Lernen ist ein iterativer Prozess und das ist nat\u00fcrlich auch beim Programmieren nicht anders. Im Programmierunterricht werden L\u00f6sungen zu gegebenen Problemen als Programme beschrieben, die dann direkt auf dem Computer ausgef\u00fchrt und getestet werden k\u00f6nnen. Nicht selten enth\u00e4lt allerdings die erste L\u00f6sung noch Fehler, die \u00fcber mehrere Iterationen ausgemerzt werden m\u00fcssen, bis endlich ein Programm vorliegt, welches den beabsichtigten Effekt zeigt. Das Ziel des Programmierunterrichts besteht nicht darin, die \u201eeine perfekte L\u00f6sung\u201c auf Anhieb finden zu wollen, vielmehr geht es darum, selbst einen von \u00fcblicherweise vielen verschiedenen Wegen zum Ziel zu finden. Das erw\u00fcnschte Resultat wird \u00fcber mehrere Stufen iterativ erarbeitet. Ganz nach dem Motto \u201eder Weg ist das Ziel\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>B\u00fclow: Den Kindern wird das eigenverantwortliche, selbstverantwortliche und selbstbestimmte Lernen Schritt f\u00fcr Schritt durch Eure Lehrb\u00fccher erm\u00f6glicht. K\u00f6nnen diese Kompetenzen sich auf andere F\u00e4cher auswirken? Gibt es konkrete Beispiele?<br \/>\n<\/strong><strong><br \/>\nLacher: <\/strong>Am st\u00e4rksten ist die Verbindung zur Sprache, Mathematik und Technik. Die Technik lernt man zu steuern und mitzuentwickeln. In der grundlegendsten Ebene haben Mathematik und Informatik gleiche Zielsetzungen &#8211; Abstrahieren (die Realit\u00e4t vereinfacht in die Sprache von Symbolen abzubilden) zu lernen und die Probleml\u00f6sef\u00e4higkeit zu f\u00f6rdern. Die Schnittstelle zur Sprache ist mehrdimensional. Informatiker und Informatikerinnen sind spezialisiert auf die Entwicklung von Schriften (Geheimschriften, Zahlendarstellungen) und Programmiersprachen zur Beschreibung von T\u00e4tigkeiten (die wir automatisieren wollen), das sind alles Sprachen. Unsere Lehrmittel erm\u00f6glichen den Kindern die Programmiersprache mitzubauen (neue W\u00f6rter einzuf\u00fchren) und sie beim Programmieren auszuprobieren. Sie erkennen dadurch, dass Sprachen nicht statisch sind, sondern sich einem Bed\u00fcrfnis anpassen und sich somit entwickeln k\u00f6nnen. In welchem Sprachunterricht erhalten die Kinder die Chance, eine Sprache zu entwickeln und auszuprobieren?\u00a0<strong><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p><strong>Staub: <\/strong>Generell bezwecken wir mit unseren Lehrb\u00fcchern eine m\u00f6glichst gute Vernetzung der Informatik mit anderen Schulf\u00e4chern. Sowohl der Sprach- wie auch der Mathematikunterricht lassen sich wunderbar mit Informatik verbinden: Von Themen wie\u00a0Kryptografie\u00a0(das Entwickeln und Knacken von Geheimschriften) bis hin zum Programmieren (die Entwicklung einer eigenen Sprache, um mit dem Computer zu kommunizieren) werden immer wieder Themen behandelt, die einen f\u00e4cher\u00fcbergreifenden Charakter haben und somit durchaus einen Mehrwert f\u00fcr andere F\u00e4cher darstellen k\u00f6nnen. Ob und inwiefern diese Verbindungen im Klassenzimmer aktiv ausgelebt werden, h\u00e4ngt jedoch von der Lehrperson ab, die in dieser Hinsicht eine\u00a0grosseVerantwortung tr\u00e4gt.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>B\u00fclow: Kann man davon ausgehen, dass dieser individuelle, selbstbestimmte Lernprozess, an den die Kinder von Euch herangef\u00fchrt werden, die Lehrperson \u201eentbehrlich\u201c machen k\u00f6nnte? Ist die Lehrperson dann eher Moderator oder anders ausgedr\u00fcckt: Welches ist die Rolle der\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Lehrperson in diesem Prozess?<br \/>\n<\/strong><strong><br \/>\nLacher: <\/strong>Die Lehrperson steht ganz klar im Zentrum und wird sogar noch wichtiger als bei anderen Lehrmitteln. Die Lehrperson leitet an, steuert die Aktivit\u00e4ten der Kinder und sorgt f\u00fcr individualisierte F\u00f6rderung. Weil wir davon ausgehen, dass die Lehrpersonen dieses Fach in ihrer eigenen Ausbildung nicht gehabt haben, geben wir nicht nur didaktische Aspekte, sondern auch das fachliche Wissen in den Begleitb\u00e4nden mit. Diese Begleitb\u00e4nde sind deshalb auch umfangreicher als die Sch\u00fclerb\u00e4nde. Sie machen die Lehrpersonen unabh\u00e4ngig und begleiten sie w\u00e4hrend des ganzen Unterrichts.<\/p>\n<p><strong>Staub: <\/strong>Die Lehrperson ist und bleibt ein wichtiger Teil des schulischen Lernens, wobei jedoch die Rolle der Lehrperson im Programmierunterricht tats\u00e4chlich ein wenig anders ist als gewohnt: In vielen Disziplinen kommt der Lehrperson die Rolle zu, die L\u00f6sungen der Kinder zu beurteilen und \u00fcber deren Korrektheit zu entscheiden. Diese Rolle des \u201eRichters\u201c entf\u00e4llt beim Programmieren, da L\u00f6sungen (in unserem Falle sind das grafische Muster) so einfach zu \u00fcberpr\u00fcfen sind, dass jedes Kind seine L\u00f6sung selbst kontrollieren kann. Das motiviert das explorative Lernen, denn Fehler haben keine negativen Konsequenzen f\u00fcr die Kinder. Die Frage der Korrektheit weicht den beiden Fragen, weshalb eine gegebene L\u00f6sung nicht das tut, was man erwartet, oder wie man ein bereits funktionsf\u00e4higes Programm noch verbessern k\u00f6nnte. Wichtig dabei ist, dass immer der Lernprozess im Zentrum steht. Die Kinder arbeiten dabei individuell und im eigenen Tempo, w\u00e4hrend die Lehrperson die Gelegenheit hat den Lernprozess einzelner Kinder zu beobachten und ihre Spr\u00f6sslinge individuell zu f\u00f6rdern. Alles in allem kommt der Lehrperson also nach wie vor eine wichtige Rolle zu, denn sie ist verantwortlich den Lernprozess ihrer Klasse zu koordinieren, zu motivieren und individuell zu f\u00f6rdern.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>B\u00fclow: Datensicherheit ist ein grosses Thema heute. Was macht Ihr in diesem Bereich?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Staub: <\/strong>Hinsichtlich Datensicherheit in unserer Programmierumgebung verfolgen wir einen vierspurigen Ansatz. Erstens implementieren wir unsere Lernumgebungen selbst und verwalten diese auch eigenh\u00e4ndig. Auf diese Weise kontrollieren wir, dass keine sensitiven Daten in die falschen H\u00e4nde gelangen. Wir heben uns dadurch klar von anderen Lehrmitteln ab, die \u00fcblicherweise die Lernplattformen von Drittanbietern verwenden und somit keine Kontrolle dar\u00fcber haben, wo, wie und welche Daten abgelegt werden. Bekannte Programmierplattformen wie Scratch oder Blockly werden in den USA entwickelt und verwaltet, wo der Datenschutz im Vergleich zur Schweiz nicht allgemein und umfassend geregelt ist. Zweitens achten wir darauf, dass keine personenbezogenen Daten auf unserem Server gespeichert werden. Das heisst, w\u00e4hrend Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler die M\u00f6glichkeit haben L\u00f6sungen online zu speichern und sp\u00e4ter wieder darauf zuzugreifen, sind wir nicht in der Lage, anhand dieser Daten auf die Identit\u00e4t eines Kindes zu schliessen, da Name, E-Mail, Geburtsdatum und Adresse nicht bekannt sind. Drittens bieten wir durch unsere Offline-Umgebung allen Benutzern die M\u00f6glichkeit, komplett anonym arbeiten zu k\u00f6nnen und keinerlei Spuren zu hinterlassen. Der vierte und letzte Punkt: Nachdem die Kinder \u201e<em>einfach<\/em> INFORMATIK 5\/6 \u2013 L\u00f6sungen finden\u201c (Kapitel 2) bearbeitet haben, sind sie in der Lage eigene Geheimschriften zu entwickeln und so im Zweifelsfall\u00a0eigenh\u00e4ndig\u00a0f\u00fcr den Schutz ihrer Daten zu sorgen.<br \/>\n<strong><br \/>\nLacher:<\/strong> Viel mehr als andere! Wir sensibilisieren die Kinder f\u00fcr das Thema und zeigen den Kindern die m\u00f6glichen Sicherheitsmassnahmen. Aber wir gehen noch viel weiter: Wir verfolgen die 4000 Jahre alte Geschichte der Datensicherheit und bringen den Kindern altersgerecht wichtige Konzepte des Bauens von Kryptosystemen bei. Somit arbeiten die Kinder kreativ und entwickeln selbst eigene, neue Geheimschriften, die die Welt noch nicht gesehen hat. Die Kinder haben viel Spass daran, sich gegenseitig geheime Nachrichten zu verfassen, oder noch besser, einen Geheimtext zu knacken, zu dem sie keinen Schl\u00fcssel erhalten haben. Durch den Ansatz, dass die Kinder der geschichtlichen Entwicklung folgen, k\u00f6nnen sie verstehen, was machbar ist und was nicht.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>B\u00fclow: Glaubt Ihr, dass Ihr mit dem Lehrmittel alle Kinder gleichermassen f\u00fcr die MINT-F\u00e4cher begeistert?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Lacher: <\/strong>Wir verfolgen nicht das Ziel, aus allen Kindern Informatikerinnen oder Informatiker zu machen. Aber wir wollen in allen Kindern die Begeisterung f\u00fcr das konstruktive, ingenieurm\u00e4ssige Vorgehen wecken. Dieses Talent sollen die Kinder in sich entdecken. Diese Kinder werden in ihren Berufen \u2013 egal welcher Art diese sein werden \u2013 feststellen, dass immer mehr automatisiert wird. Keines dieser Kinder wird in seinem Beruf erfolgreich sein k\u00f6nnen, ohne die Automatisierung zu verstehen. Es ist also wichtig, dass alle Kinder dazu ein Basiswissen erhalten. Zudem zeigen unsere Erfahrungen mit mehr als 15\u2018000 Kindern in mehr als 550 Schulen, dass das Genderproblem in der Verwendung unseres Lehrmittels nicht existiert.<\/p>\n<p><strong>Staub: <\/strong>Zwei Punkte: (i) Eine der eindr\u00fccklichsten Erfahrungen, die ich im Verlauf der letzten Jahre machen durfte, war es, dass Lehrpersonen am Schluss eines Projektes zu mir kamen und mir erz\u00e4hlten, dass sie durch das Programmieren eine andere Sichtweise auf einige Sch\u00fclerinnen oder Sch\u00fcler erhielten. Oft sagen sie, es g\u00e4be das eine oder andere Kind, welches normalerweise eher unauff\u00e4llig oder manchmal vielleicht sogar als schwach eingestuft wird. Manche dieser Kinder bl\u00fchen durch das Programmieren f\u00f6rmlich auf und legen ungeahnten Eifer, Freude\u00a0und\u00a0Konzentration an den Tag. Der Programmierunterricht kann also definitiv dazu beitragen, dass Kinder einen Zugang zu MINT-F\u00e4chern finden, den sie vorher nicht hatten. (ii) Auch hinsichtlich Geschlechterrollen kann der Informatikunterricht helfen. Leider leben wir heute noch immer in einer Zeit, wo\u00a0das Stereotyp\u00a0eines Informatikers zweifelsfrei ein Mann sein muss. Unsere Erfahrung zeigt jedoch, dass M\u00e4dchen und Buben\u00a0gleichermassenmotiviert programmieren und sich keinerlei Leistungsunterschiede auf das Geschlecht eines Kindes\u00a0zur\u00fcckf\u00fchren\u00a0lassen. Es ist gut, fr\u00fchzeitig mit dem\u00a0Informatikunterricht\u00a0zu beginnen und damit zu sorgen, dass keine Stereotypen aufkommen k\u00f6nnen. Hoffentlich erziehen wir damit eine neue Generation, in welcher sowohl M\u00e4dchen wie auch Buben ohne Z\u00f6gern einen Weg in die Naturwissenschaften, Mathematik oder auch in die Informatik\u00a0einschlagen k\u00f6nnen, ohne\u00a0sich von alten Stereotypen verunsichern zu lassen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Vielen Dank und nochmals herzlichen Gl\u00fcckwunsch und weiterhin viel Erfolg!<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0_____<\/em><\/p>\n<p><strong><em>Regula Lacher<\/em><\/strong><em> hat zuerst eine Lehre als Physiklaborantin gemacht, danach Geografie studiert und kennt somit das duale Schweizer Bildungssystem aus eigener Erfahrung. Ihr Interesse f\u00fcr Bildung und Technologie f\u00fchrte sie zur Vermittlung von Informatikkonzepten. <\/em><\/p>\n<p><strong><em>Jacqueline Staub <\/em><\/strong><em>ist Doktorandin am Lehrstuhl f\u00fcr Informationstechnologie und Ausbildung an der ETH Z\u00fcrich und an der PH Graub\u00fcnden t\u00e4tig als wissenschaftliche Mitarbeiterin sowie als Informatik-Dozentin. Sie hat das Lehrdiplom f\u00fcr Maturit\u00e4tsschulen in Informatik an der ETH Z\u00fcrich erworben. Seit 2011 ist sie als Unterrichtsleiterin und Assistentin beim Projekt PrimaLogo t\u00e4tig, wof\u00fcr sie im Rahmen ihrer Informatik-Masterarbeit an der ETH Z\u00fcrich die Browser-basierte Logo-Programmierumgebung XLogoOnline entwickelte. Diese Umgebung wird seit 2016 schweizweit verwendet und ist auf den Programmierunterricht an Primarschulen ausgerichtet. <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit kurzer Zeit ist das Fach Informatik in den Schulalltag integriert. 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