{"id":19854,"date":"2024-01-23T22:50:30","date_gmt":"2024-01-23T21:50:30","guid":{"rendered":"https:\/\/magazine.swissinformatics.org\/?p=19854"},"modified":"2024-01-24T21:57:19","modified_gmt":"2024-01-24T20:57:19","slug":"niklaus-wirth-nachruf-und-wuerdigung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/magazine.swissinformatics.org\/de\/niklaus-wirth-nachruf-und-wuerdigung\/","title":{"rendered":"Niklaus Wirth: Nachruf und W\u00fcrdigung"},"content":{"rendered":"\n<p>\u201eZum Teufel mit der KI\u201c. Diese Antwort auf die Frage eines Journalisten an Niklaus Wirth, wie er das Thema \u201eK\u00fcnstliche Intelligenz\u201c beurteile, weckt Erinnerungen an einen ber\u00fchmten Ausruf von Albert Einstein, der seine Skepsis zur Quantentheorie mit den Worten \u201eGott w\u00fcrfelt nicht\u201c zum Ausdruck brachte. In beiden F\u00e4llen steht die Ablehnung einer grunds\u00e4tzlich neuen Richtung der Wissenschaft den eigenen, epochalen Leistungen in ebendieser Wissenschaft gegen\u00fcber.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignleft size-full is-resized\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/magazine.swissinformatics.org\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/Niklaus_Wirth.png\" alt=\"Niklaus Wirth  1934-2024\" class=\"wp-image-19864\" style=\"object-fit:cover;width:500px;height:345px\" width=\"500\" height=\"345\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Niklaus Wirth war neben Edsger W. Dijkstra und C.A.R. Hoare einer der drei Pioniere, die im vergangenen Jahrhundert die aufkeimende Wissenschaft der Informatik entscheidend gepr\u00e4gt haben. Alle drei wurden mit dem nach dem Urpionier Alan Turing benannten Turing Award, der h\u00f6chsten wissenschaftlichen Auszeichnung in der Informatik, geehrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Gegensatz zum bereits fr\u00fcher verstorbenen Dijkstra und dem Theoretiker Hoare hat in der Wirth\u2019schen Forschung stets die Engineering Komponente eine substanzielle Rolle gespielt. Die sprichw\u00f6rtliche \u201eSchool of Wirth\u201c zeichnete sich ganz besonders dadurch aus, dass Theorie und Formalismus stets minimalistisch angelegt waren und sich durch N\u00fctzlichkeit in einer konstruktiven Anwendung rechtfertigen mussten. Solange sie der Sache dienten, waren ihm auch sehr abstrakte Prinzipien lieb und teuer, wie etwa die von ihm selbst entwickelte Methode der schrittweisen Verfeinerung oder das mathematische Pr\u00e4dikatenkalk\u00fcl zum Beweis der Korrektheit von Algorithmen und Programmen. Legend\u00e4r war Wirths Sinn f\u00fcr das Wesentliche und, damit eng verbunden, sein Sinn f\u00fcr Einfachheit und Schn\u00f6rkelfreiheit. In meiner langen Zeit der Zusammenarbeit habe ich in den Wirth\u2019schen Programmen stets die ultimativ elegante, bisweilen geniale Einfachheit bewundert. Intransparenz war ihm ein Gr\u00e4uel, und so hatte er f\u00fcr all die Programmierassistenten und Automatismen moderner Software-Entwicklungsumgebungen wenig \u00fcbrig und qualifizierte sie nicht selten mit dem bitterb\u00f6sen Dijkstra\u2019schen Zitat \u201ehow to program if you can\u2019t\u201c ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich selbst im Jahre 1968 bei der damaligen Swissair in die Programmierung eingestiegen bin, fand ich mich alsbald in der Systemprogrammierung der IBM 360 Grossrechner wieder. In den fr\u00fchen 70er Jahren kannte ich den Namen Wirth nat\u00fcrlich bereits und war ihm auch schon ehrf\u00fcrchtig in Person begegnet. Ich kannte seine grandiosen Erfolge mit der Programmiersprache Pascal, deren konsequentes Typensystem die Fr\u00fcherkennung von Programmierfehlern erm\u00f6glichte, die \u00c4pfel f\u00fcr Birnen vormachen wollten. Allerdings sah ich damals keinerlei Zusammenhang zwischen seiner Programmiersprache und meinen akribischen Aktivit\u00e4ten mit Bits und Bytes auf der Ebene der Maschinensprache. Es waren zwei verschiedene Welten im selben Universum.<\/p>\n\n\n\n<p>Erst ein gutes Jahrzehnt sp\u00e4ter, nach dem Abschluss meines Doktorates in Mathematik, wollte ich es dann doch noch genauer wissen und bewarb mich erfolgreich auf ein zuf\u00e4llig gesichtetes Inserat, in welchem Niklaus Wirth Mitarbeiter f\u00fcr sein soeben an der ETH gestartetes Projekt zur Entwicklung von \u201epers\u00f6nlichen\u201c Arbeitsplatzrechnern einer neuen Generation suchte. Meine seinerzeitige Skepsis gegen\u00fcber \u201eh\u00f6heren\u201c Programmiersprachen f\u00fcr systemnahe Aufgaben verflog dann umgehend und wich alsbald der Einsicht, dass sich Abstraktionen wie diejenige der Sprache Modula-2, dem Nachfolger von Pascal, f\u00fcr ebensolche Aufgaben ausgezeichnet eignen. Das ultimativ \u00fcberzeugende Argument war die erfolgreiche Realisierung der radikalen Wirth\u2019schen Vision, n\u00e4mlich die Formulierung der gesamten Software des neuen Arbeitsplatzrechners, Lilith genannt, einschliesslich Benutzerschnittstelle, Betriebssystem und Modula-2 Compiler in der Sprache Modula-2 selbst. M\u00f6glich wurde dies durch die raffinierte, bereits aus der Pascal Zeit bekannte Methodik: Modula-2 Programme wurden zun\u00e4chst in einen maschinenunabh\u00e4ngigen Zwischencode \u00fcbersetzt, welcher dann effizient auf realen Maschinen interpretiert werden konnte.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text is-stacked-on-mobile\" style=\"grid-template-columns:64% auto\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img decoding=\"async\" width=\"1415\" height=\"800\" src=\"https:\/\/magazine.swissinformatics.org\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/NWirth_Lilith-1.png\" alt=\"Niklaus Wirth in 1984, together with the personal workstation Lilith developed by him\" class=\"wp-image-19911 size-full\" srcset=\"https:\/\/magazine.swissinformatics.org\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/NWirth_Lilith-1.png 1415w, https:\/\/magazine.swissinformatics.org\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/NWirth_Lilith-1-400x226.png 400w, https:\/\/magazine.swissinformatics.org\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/NWirth_Lilith-1-142x80.png 142w, https:\/\/magazine.swissinformatics.org\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/NWirth_Lilith-1-768x434.png 768w\" sizes=\"(max-width: 1415px) 100vw, 1415px\" \/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p>Niklaus Wirth im Jahr 1984, als er den Turing Award erhalten hat. Links im Bild ein Exemplar des von Niklaus Wirth entwickelten pers\u00f6nlichen Arbeitsplatzrechners Lilith.<\/p>\n\n\n\n<p><br><\/p>\n\n\n\n<p><small>Bildnachweis<br>Dieses Bild: Niklaus Wirth \/ ETHZ<\/small><br><small>\u00dcbrige Bilder: zVg von J\u00fcrg Gutknecht<\/small><\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p><br>Der n\u00e4chste und letzte Schritt meiner Zusammenarbeit mit Wirth bestand in der Flexibilisierung des starren Modula-2 Typsystems in Form einer dynamischen, nach oben offenen Typenhierarchie, wodurch laufende Systemerweiterungen ohne Preisgabe des \u201estrong typing\u201c und der damit verbundenen Fr\u00fcherkennbarkeit von Programmierfehlern m\u00f6glich wurden. Diese Evolution f\u00fchrte zur Programmiersprache Oberon und war ein gewinnbringender Schritt in Richtung \u201eobjektorientierte Programmierung\u201c, welche Wirth in ihrer Ganzheit als \u201ezu pomp\u00f6s\u201c vorkam. Abermals wurde die Sprache als Mittel zum Zweck verwendet, n\u00e4mlich zur Entwicklung einer neuen, noch kompakteren pers\u00f6nlichen Arbeitsstation namens \u201eCeres\u201c auf der Basis einer n\u00e4chsten Generation von Hardwarekomponenten.<\/p>\n\n\n\n<p>Im internationalen Umfeld erfreuten sich beide Programmiersprachen Modula-2 und Oberon dank ihrer minimalistischen Struktur und dank der vollst\u00e4ndig quelloffenen Verf\u00fcgbarkeit auch grosser Beliebtheit im kommerziellen Umfeld und f\u00fchrten nicht wenige Startup-Unternehmungen zum Erfolg. Von der konsequenten \u00dcberpr\u00fcfung der korrekten Verwendung von Datentypen zur Kompilationszeit konnten vor allem sicherheitskritische Projekte profitieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Allerdings ist die Disziplin der Programmierung nach pr\u00e4dikatenlogischen Grunds\u00e4tzen inzwischen einer Kultur des Software \u201eEngineering\u201c gewichen, welche dank \u201esmarten\u201c Frameworks und Packages sowie allerlei virtuellen Assistenten und KI Bots die ben\u00f6tigten Kompetenzen und damit die Eintrittsschwelle in die Entwicklung von Software substanziell gesenkt hat, mit der positiven Konsequenz dass die T\u00fcren f\u00fcr eine explosionsartig erweiterte Population von Software-Entwicklern in einer sich ebenso explosionsartig erweiternden Welt von Anwendungsbereichen ge\u00f6ffnet werden konnten und der negativen Konsequenz, dass die hohe Qualit\u00e4t der Programmierung nach Wirth\u2019schen Masst\u00e4ben weitestgehend geopfert werden musste. Der Beweis f\u00fcr letzteres sind allgegenw\u00e4rtige, stupide Fehlermeldungen wie \u201eEin Fehler ist aufgetreten. Probieren Sie es noch einmal\u201c als Zeichen der Kapitulation der Entwickler, sich unendlich im Kreise drehende Aktivit\u00e4ten bei Verbindungsversuchen oder ganze Releases, deren einzige Innovation in der Korrektur fr\u00fcherer Programmfehler besteht. Da kommt in Erinnerung an die gute alte Wirth\u2019sche Zeit unumg\u00e4nglich eine gewisse Wehmut auf.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignleft size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/magazine.swissinformatics.org\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/NWirthBild3-895x1200.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-19867\" style=\"width:347px;height:466px\" width=\"347\" height=\"466\" srcset=\"https:\/\/magazine.swissinformatics.org\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/NWirthBild3-895x1200.png 895w, https:\/\/magazine.swissinformatics.org\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/NWirthBild3-224x300.png 224w, https:\/\/magazine.swissinformatics.org\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/NWirthBild3-60x80.png 60w, https:\/\/magazine.swissinformatics.org\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/NWirthBild3-768x1029.png 768w, https:\/\/magazine.swissinformatics.org\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/NWirthBild3.png 938w\" sizes=\"(max-width: 347px) 100vw, 347px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Apropos Wehmut: In besonders sch\u00f6ner Erinnerung an Niklaus Wirth ist mir neben der wissenschaftlichen seine gesellige Seite geblieben.\u00a0Unz\u00e4hlige lange Abende in der lauschigen Atmosph\u00e4re seines damaligen Landsitzes im Beisein seiner Gattin Diana. Inspirierende Diskussionen \u00fcber Gott, die Welt, die Wissenschaft und die Programmierung, stets mit dem Resultat, dass wir alles besser wussten.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>J\u00fcrg Gutknecht<\/strong>\u00a0ist emeritierter  Professor an der  ETH Z\u00fcrich. Von 2014 bis 2018 war er Pr\u00e4sident der SI. In den 1980er Jahren war er einer der engsten Mitarbeiter von Niklaus Wirth. Er war an der Entwicklung der Software f\u00fcr die Arbeitsplatzstationen Lilith und Ceres sowie der Programmiersprache Oberon beteiligt. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eZum Teufel mit der KI\u201c. 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From 1970 and while being employed by IBM as a working student, Gutknecht studied Mathematics at the ETH Zurich, from where he graduated in 1977 with a PhD. After an employment as a professor of Mathematics at the Kantonsschule Heerbrugg in the Swiss Rheintal, Gutknecht joined Niklaus Wirth\u2019s Lilith\/ Modula research team in 1981 and, in 1985, after a sabbatical stay at the Xerox-PARC Research Laboratory in California, he was appointed Assistant Professor and later Full Professor of Computer Science at ETH. Together with Wirth, Gutknecht developed the Oberon programming language and the Ceres personal workstation. 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