{"id":7992,"date":"2017-04-23T21:54:01","date_gmt":"2017-04-23T19:54:01","guid":{"rendered":"https:\/\/magazine.swissinformatics.org\/warum-scheiterte-die-schweizer-it-industrie\/"},"modified":"2017-06-20T06:45:30","modified_gmt":"2017-06-20T04:45:30","slug":"warum-scheiterte-die-schweizer-it-industrie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/magazine.swissinformatics.org\/de\/warum-scheiterte-die-schweizer-it-industrie\/","title":{"rendered":"Warum gibt es keine Schweizer IT-Industrie?"},"content":{"rendered":"<p>Die Informatik in der Schweiz begann 1948 mit der Gr\u00fcndung des Instituts f\u00fcr angewandte Mathematik an der ETH Z\u00fcrich. 1950 hatte die ETH als zweite Universit\u00e4t auf dem europ\u00e4ischen Festland einen funktionst\u00fcchtigen programmgesteuerten Digitalrechner, die Zuse Z4. 1956 wurde die selber entwickelte Ermeth (elektronische Rechenmaschine der ETH) in Betrieb genommen. In dieser Zeit war die ETH auch massgeblich an der Entwicklung von Algol beteiligt.<\/p>\n<p>Der programmierbare Rechenautomat Ermeth galt damals als Meisterleistung. Dennoch gelang es nicht, diese Maschine zu vermarkten. Der schwarze Peter wird \u00fcblicherweise der Privatwirtschaft zugeschoben. Wiederholt wurde bedauert, dass die einheimische Industrie nach der erfolgreichen Herstellung des ersten Schweizer Computers den Ball nicht aufgegriffen habe. Neue Funde im ETH-Hochschularchiv widerlegen diese Annahme \u2013 mindestens teilweise.<\/p>\n<p><strong>Anfragen aus der Industrie<\/strong><\/p>\n<p>Hans Pallmann, Pr\u00e4sident des Schweizerischen Schulrats, setzte eine beratende Kommission ein, die sich mit den Rechtsfragen zur Vermarktung der Ermeth und ihrer Bestandteile befasste. Sie bestand u.a aus Eduard Stiefel (Vorstand des Instituts f\u00fcr angewandte Mathematik), Ernst Baumann (Leiter der Abteilung f\u00fcr industrielle Forschung des Instituts f\u00fcr theoretische Physik).<\/p>\n<figure id=\"attachment_8005\" aria-describedby=\"caption-attachment-8005\" style=\"width: 678px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-8005 size-mh-magazine-content\" src=\"https:\/\/magazine.swissinformatics.org\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Ermeth_Computer-678x381.png\" alt=\"Ermeth (elektronische Rechenmaschine der ETH)\" width=\"678\" height=\"381\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-8005\" class=\"wp-caption-text\">Ermeth (elektronische Rechenmaschine der ETH)<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Die Berner Hasler AG hatte im Sinn, die ganze Ermeth weltweit zu vermarkten<\/strong><\/p>\n<p>Im Januar 1955 fand an der ETH eine Besprechung zum geplanten Nachbauvertrag statt. Stiefel, Baumann und Speiser nahmen daran teil. Baumann ging von einem Verkaufspreis von etwa 1 Million Franken f\u00fcr eine Ermeth und Lizenzgeb\u00fchren von 5\u20136% aus. Hasler werde wohl h\u00f6chstens 10 Rechenmaschinen absetzen. Die ETH h\u00e4tte 50 000 bis 60 000 Franken\/St\u00fcck erhalten.<\/p>\n<figure id=\"attachment_7998\" aria-describedby=\"caption-attachment-7998\" style=\"width: 678px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img decoding=\"async\" class=\"wp-image-7998 size-mh-magazine-content\" src=\"https:\/\/magazine.swissinformatics.org\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Lilith-678x381.png\" alt=\"\" width=\"678\" height=\"381\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-7998\" class=\"wp-caption-text\">DISER Lilith Workstation von Niklaus Wirth<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Hat der Chefingenieur die Vermarktung der Ermeth verhindert?<\/strong><\/p>\n<p>Speisers bevorstehender Wechsel zu IBM hatte ein schweres Zerw\u00fcrfnis mit der ETH und mit Hasler zur Folge. Auf Weisung des Schulratspr\u00e4sidenten sprach Speiser im Juni 1955 beim Generaldirektor der Hasler AG, Karl Eigenheer, vor. Dieser habe sein Missfallen \u00fcber den neuen Sachverhalt ausgedr\u00fcckt.<\/p>\n<p>Im Juli 1955 besuchten Pallmann und Stiefel die Hasler AG. In seinem vierseitigen Brief an Eigenheer hielt Stiefel die Ergebnisse der Besprechung schriftlich fest. Er erw\u00e4hnt dabei, dass sein Institut der Firma Hasler die bisherigen technischen Ergebnisse zur Magnettrommel \u201ein Form einer ausschliesslichen Lizenz ohne garantierte Lizenzzahlungen\u201c zur Verf\u00fcgung gestellt habe.<\/p>\n<figure id=\"attachment_8004\" aria-describedby=\"caption-attachment-8004\" style=\"width: 612px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img decoding=\"async\" class=\"wp-image-8004 size-mh-magazine-content\" src=\"https:\/\/magazine.swissinformatics.org\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/LogiMouse2-612x381.png\" alt=\"Logi Mouse\" width=\"612\" height=\"381\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-8004\" class=\"wp-caption-text\">Vintage LogiMouse von Logitech<\/figcaption><\/figure>\n<p><em>\u00a0<\/em><strong>Folgerungen<\/strong><\/p>\n<p>Mit seinem Stellenwechsel von der ETH zu IBM durchkreuzte Chefingenieur Speiser die Pl\u00e4ne Haslers, die Ermeth nachzubauen und zu vermarkten. Es kam zu einem schwerwiegenden Zerw\u00fcrfnis. Speisers neue T\u00e4tigkeit f\u00fcr den Mitbewerber ist offensichtlich der Grund, dass es damals nicht zum Aufbau einer Schweizer Rechnerindustrie kam. Es war gewiss nicht Speisers Absicht, die Vermarktung seines \u201eKindes\u201c zu behindern oder zu vereiteln. Die tiefgreifende Verstimmung durch Speisers Arbeit f\u00fcr die Konkurrenz hatte aber bei Hasler zu einem Meinungsumschwung gef\u00fchrt.<\/p>\n<p><strong>Sp\u00e4tere Versuche<\/strong><\/p>\n<p>Leider scheiterten auch sp\u00e4tere Versuche, z.B. die Vermarktung des Tischrechners Lilith von Niklaus Wirth oder des Superrechners Gigabooster von Anton Gunzinger. Erfolgreich war hingegen die Westschweizer Zubeh\u00f6rherstellerin Logitech.<\/p>\n<p><strong>Quelle<\/strong><\/p>\n<p><em>Herbert Bruderer: Meilensteine der Rechentechnik. Zur Geschichte der Mathematik und der Informatik, De Gruyter Oldenbourg, Berlin\/Boston 2015, 850 Seiten<\/em><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.degruyter.com\/view\/product\/432414\">http:\/\/www.degruyter.com\/view\/product\/432414<\/a><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Buchbesprechungen<\/strong><\/p>\n<p><strong>Deutsche Mathematiker-Vereinigung<br \/>\n<\/strong>http:\/\/www.mathematik.de\/ger\/rezensionen\/meilensteine-der-rechentechnik-2.html<br \/>\n<a href=\"http:\/\/mathematik.de\/ger\/rezensionen\/meilensteine-der-rechentechnik.html\">http:\/\/mathematik.de\/ger\/rezensionen\/meilensteine-der-rechentechnik.html<\/a><\/p>\n<p><strong>Beitrag zur Informatikgeschichte in <em>Communications of the ACM:<br \/>\n<\/em><\/strong><a href=\"http:\/\/cacm.acm.org\/magazines\/2017\/2\/212431-computing-history-beyond-the-u-k-and-u-s\/abstract\">http:\/\/cacm.acm.org\/magazines\/2017\/2\/212431-computing-history-beyond-the-u-k-and-u-s\/abstract<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Informatik in der Schweiz begann 1948 mit der Gr\u00fcndung des Instituts f\u00fcr angewandte Mathematik an der ETH Z\u00fcrich. 1950 hatte die ETH als zweite Universit\u00e4t auf dem europ\u00e4ischen Festland einen funktionst\u00fcchtigen programmgesteuerten Digitalrechner, die Zuse Z4. 1956 wurde die selber entwickelte Ermeth (elektronische Rechenmaschine der ETH) in Betrieb genommen. 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