{"id":12056,"date":"2019-10-31T17:03:04","date_gmt":"2019-10-31T16:03:04","guid":{"rendered":"https:\/\/magazine.swissinformatics.org\/?p=12056"},"modified":"2022-07-02T12:56:00","modified_gmt":"2022-07-02T10:56:00","slug":"driesdepoorter-key","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/magazine.swissinformatics.org\/en\/driesdepoorter-key\/","title":{"rendered":"DriesDepoorter.key"},"content":{"rendered":"<p class=\"p1\">Influencer*in &#8211; ein Traumberuf fu\u0308r viele Teenies. Dazu geh\u00f6ren Followers sammeln, was einem Wert seiner selbst quantifizieren gleichkommt; Objekte bewerben und kontinuierlich beispielsweise auf dem Instagram Profil nachsehen, wie viele Menschen die eigenen Stories bereits betrachtet haben; Interaktionen beobachten, die es gab in den vergangenen sieben Tagen und u\u0308berlegen, wann am besten der n\u00e4chste Post ver\u00f6ffentlicht wird, damit maximal viele Followers erreicht werden. Followers sind eine W\u00e4hrungen von Social Media. Der Wert von vielen Followern ist Best\u00e4tigung, von Freund*innen und Fremden (oder nur virtuell existierenden Figuren), und potenziell das eine oder andere Goodie, respektive ein Auftrag, Werbung fu\u0308r ein Unternehmen zu machen.<\/p>\n<p class=\"p1\">Hat man jedoch das Gefu\u0308hl, der eigene Account ist zu wenig Wert, gibt es eine perfekte L\u00f6sung: Die \u201cGet Popular Vending Machine\u201d. Mit nur etwas Glu\u0308ck kann man bei einem der dort erh\u00e4ltlichen Rubbellose bis zu 25\u2019000 neue Followers gewinnen. Und es ist sehr simpel: Bei einem Verkaufsautomaten k\u00f6nnen rund um die Uhr die Rubbellose gekauft und das Glu\u0308ck versucht werden. Genau das Glu\u0308ck, das oft auch gebraucht wird, um auf social Media entdeckt zu werden.<\/p>\n<figure id=\"attachment_12083\" aria-describedby=\"caption-attachment-12083\" style=\"width: 461px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/magazine.swissinformatics.org\/driesdepoorter-key\/shortlife_dries_depoorter_01-1612x2418-2\/\" rel=\"attachment wp-att-12083\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-12083\" src=\"https:\/\/magazine.swissinformatics.org\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/ShortLife_Dries_Depoorter_01-1612x2418-1-764x1024.jpeg\" alt=\"\" width=\"461\" height=\"588\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-12083\" class=\"wp-caption-text\">Short Life<\/figcaption><\/figure>\n<p class=\"p1\">Diese Maschine ist eine Arbeit des belgischen Ku\u0308nstlers Dries Depoorter. Mit dieser und seinen weiteren humorvollen Arbeiten macht er die heutigen technologischen Ph\u00e4nomene direkt spu\u0308rbar. Er setzt sich gern mit den weniger sch\u00f6nen Momenten unserer digitalen Abh\u00e4ngigkeit auseinander. Bevor er zur Kunstschule ging, studierte er sechs Jahre lang Elektrotechnik, was sich in seinen Arbeiten deutlich zeigt. Seine Werke drehen sich haupts\u00e4chlich um Themen wie Privatsph\u00e4re, Soziale Medien, Ku\u0308nstliche Intelligenz und \u00dcberwachung.<\/p>\n<p class=\"p1\">Um Fake Followers herum gibt es eine ganze Industrie. Nicht grundlos, sie sind fu\u0308r baldige Influencer*innen eine gute Investition. Denn mit vielen Followern &#8211; ob fake oder echt &#8211; werden weitere Followers angelockt. Die Mehrheit hat vielfach Recht und so sind eine hohe Anzahl Gefolgsleuten ein gutes Indiz dafu\u0308r, dass man selber dieser Person auch folgen sollte. Fu\u0308r soziale Netzwerke wie Instagram werden solche Fakeprofile allerdings als Problem angesehen und immer wieder gibt es S\u00e4uberungsaktionen. Denn sobald soziale Netzwerke mit nicht existierenden Menschen gefu\u0308llt werden, verlieren sie schnell an Wert.<\/p>\n<p class=\"p1\">Auf sozialen Medien ist man abh\u00e4ngig von Anerkennung. Im allgemeinen Umgang mit den Ger\u00e4ten, die den Zugriff auf die sozialen Medien erm\u00f6glichen, macht einem eher der Akku des Ger\u00e4tes zu schaffen. Denn sobald der Akku leer ist, f\u00e4llt auch die Interaktions- und Kommunikationsm\u00f6glichkeit weg. Dies fu\u0308hrt zu einer Art von unerreichbar sein, pl\u00f6tzlich abgeschnitten sein von der weiten Welt und es bleibt nicht viel mehr u\u0308brig als sich mit dem zufrieden geben, was die unmittelbare N\u00e4he zu bieten hat. Um den \u00dcbertritt in diesen Zustand zu versu\u0308ssen, hat Dries Depoorter eine kleine App geschaffen, womit die letzten Minuten vor dem virtuellen voru\u0308bergehenden Tod noch richtig ausgekostet werden k\u00f6nnen: \u00abDie with me\u00bb. Die Chat-App l\u00e4sst sich nur starten, wenn das Ger\u00e4t weniger als 5% Akku hat und sie erm\u00f6glicht, dass man mit anderen Menschen, welche gerade in derselben Situation stecken, die letzten Minuten verbringen kann. Dabei stellt sich die Frage, ob der bald leere Akku nun eine Befreiung ist oder ob panikerfu\u0308llt die letzten Minuten Verbindung zur restlichen Welt noch genossen werden mu\u0308ssen. Die App zeigt und macht erfahrbar was geschieht, wenn eine Ressource pl\u00f6tzlich knapp wird. Entweder das knappe Gut noch maximal nutzen, da es nicht mehr lange verfu\u0308gbar ist, oder m\u00f6glichst sparsam die letzten Minuten noch in die L\u00e4nge ziehen und das Potenzial aufrecht erhalten. Dies sind zwei verbreitete Strategien.<\/p>\n<figure id=\"attachment_12073\" aria-describedby=\"caption-attachment-12073\" style=\"width: 477px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/magazine.swissinformatics.org\/driesdepoorter-key\/get-popular-vending-machine-photo-by-kristof-vrancken-2\/\" rel=\"attachment wp-att-12073\"><img decoding=\"async\" class=\"wp-image-12073 size-full\" src=\"https:\/\/magazine.swissinformatics.org\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/Get-Popular-Vending-machine-photo-by-Kristof-Vrancken-1.jpeg\" alt=\"\" width=\"477\" height=\"640\" srcset=\"https:\/\/magazine.swissinformatics.org\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/Get-Popular-Vending-machine-photo-by-Kristof-Vrancken-1.jpeg 477w, https:\/\/magazine.swissinformatics.org\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/Get-Popular-Vending-machine-photo-by-Kristof-Vrancken-1-224x300.jpeg 224w\" sizes=\"(max-width: 477px) 100vw, 477px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-12073\" class=\"wp-caption-text\">Get Popular Vending Machine<\/figcaption><\/figure>\n<p class=\"p1\">So oder so ist es ein Zelebrieren des letzten Momentes. Wenn die Idee dieser Arbeit von Dries Depoorter weiter gedacht wird, k\u00f6nnen auch Parallelen zum \u201cLebensakku\u201d gezogen werden. Ein Handy l\u00e4sst sich zwar wieder laden, jedoch ist das unfreiwillige Ausschalten durch eine leere Batterie schon fast einem Tod gleich. Mit \u201cShort Live\u201d, einer noch nicht abgeschlossenen Arbeit, deren Entstehungsprozess auf Dries Depoorters Website mitverfolgt werden kann, wird der Faden vom Handyakku zur Lebensbatterie weiter gesponnen. Indem man einen Fragebogen ausfu\u0308llt, wird die Lebenserwartung und die bereits zuru\u0308ckgelegte anteilsm\u00e4ssige Lebenszeit berechnet. Eine hu\u0308bsche Holzuhr zeigt anschliessend an, wie viel Zeit statistisch gesehen noch vom eigenen Leben u\u0308brig ist. Die Arbeit zeigt die Absurdit\u00e4t des Versuchs, stets alles zu quantifizieren. . Etwas so unvorhersehbares wie Lebenszeit wird statistisch ausgewertet und den Benutzenden tagt\u00e4glich angezeigt. Das Fortschreiten der Zeit und des Lebens ist eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit, die normalerweise punktuell spu\u0308rbar ist. Mit dieser Arbeit wird die nichtssagende Tatsache pl\u00f6tzlich jeden Tag vor Augen gefu\u0308hrt. Schr\u00e4g mutet diese Arbeit an, da der Tod vor allem in jungen Jahren durchaus pl\u00f6tzlich kommt und die statistische Lebenserwartung einem Individuum doch sehr wenig bringt. Interessant ist, ob der Bezug zum Leben und dessen Dauer sich durch den Besitz einer solchen Holzuhr \u00e4ndert. Wird das Leben anders genossen? Entsteht ein Druck, die st\u00e4ndig ku\u0308rzer werdende Zeit m\u00f6glichst optimal zu nutzen?<\/p>\n<figure id=\"attachment_12079\" aria-describedby=\"caption-attachment-12079\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/magazine.swissinformatics.org\/driesdepoorter-key\/diewithme_screen-1612x907-2\/\" rel=\"attachment wp-att-12079\"><img decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-12079\" src=\"https:\/\/magazine.swissinformatics.org\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/DieWithMe_screen-1612x907-1.jpeg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"422\" srcset=\"https:\/\/magazine.swissinformatics.org\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/DieWithMe_screen-1612x907-1.jpeg 640w, https:\/\/magazine.swissinformatics.org\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/DieWithMe_screen-1612x907-1-300x198.jpeg 300w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-12079\" class=\"wp-caption-text\">Die With Me<\/figcaption><\/figure>\n<p class=\"p1\">Die Arbeit thematisiert auch den Geldwert von Zeit. In unserer kapitalistischen Gesellschaft wird Zeit einem Wert gleichgesetzt und je nachdem, wie wertvoll ein Individuum eingesch\u00e4tzt wird, wird dessen Aufwand, also dessen Zeit, mit mehr oder weniger Geld entsch\u00e4digt. Dies v\u00f6llig unabh\u00e4ngig von der Lebenszeit, die einem einzelnen Menschen zusteht. Denn dass eine Person mit wenig Lebenszeit entsprechend h\u00f6her entlohnt wird, ist nicht gegeben. Paradoxerweise ist es eher umgekehrt.<\/p>\n<p class=\"p1\">Ein weiterer Aspekt dieser Arbeit ist, dass sie aufzeigt, wie selbstverst\u00e4ndlich Statistiken oftmals eingesetzt werden und wie fragwu\u0308rdig sie gleichzeitig sein k\u00f6nnen. Die Arbeit konfrontiert uns mit einem Wert, der durch seiner Absurdit\u00e4t uns vielleicht auch andere Zahlen kritischer betrachten l\u00e4sst und sie nimmt den Fokus weg von der Richtigkeit der Zahlen hin zu deren Bedeutung.<\/p>\n<p class=\"p1\">Dries Depoorter wird am 1. November 2019 an der ETH in Zu\u0308rich einen Vortrag halten u\u0308ber seine Arbeiten und zum Thema \u00abKunst und Informatik\u00bb. Der Vortrag ist \u00f6ffentlich. Wo: Universit\u00e4tsstrasse 6, Geb\u00e4ude CAB, Raum G11 Zeit: 17.30 &#8211; 18.30Uhr<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Influencer*in &#8211; ein Traumberuf fu\u0308r viele Teenies. 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