{"id":9012,"date":"2018-01-10T14:42:32","date_gmt":"2018-01-10T13:42:32","guid":{"rendered":"https:\/\/magazine.swissinformatics.org\/von-maschinen-und-menschen\/"},"modified":"2022-07-02T13:46:04","modified_gmt":"2022-07-02T11:46:04","slug":"von-maschinen-und-menschen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/magazine.swissinformatics.org\/fr\/von-maschinen-und-menschen\/","title":{"rendered":"PeopleKeeper: Von Maschinen und Menschen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Als Maschinen entstanden sind, brauchte es den Menschen, um diese zu Steuern. Heute ist die ganze Technologie derart immersiv, dass es in diesem Bereich eine Verschiebung gab: Maschinen werden zu einem zentralen Steuerelement und die Menschen lassen sich von deren Informationen leiten. Ohne Maschinen finden wir uns kaum mehr zurecht, wir sind auf ihre Hilfe angewiesen.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Unser Kommentar diskutiert diese These anhand von eines Kunstwerkes namens PeopleKeeper. <\/strong><\/p>\n<p>Fr\u00fch begann der Mensch Maschinen und Ger\u00e4te zu bauen und Technologien zu entwickeln, die ihm im Alltag als Unterst\u00fctzung dienten oder sogar einzelne T\u00e4tigkeiten ganz abnahmen. Entweder, weil er selbst nicht in der Lage war, diese auszuf\u00fchren oder weil die Maschine besser war. Es ist eine implizite Erweiterung des K\u00f6rpers, eine Horizonterweiterung gedachter M\u00f6glichkeiten. Genauso gibt es die explizite Erweiterung mit beispielsweise Prothesen, die zugleich eine Optimierung des menschlichen K\u00f6rpers darstellen und eine physische Vermischung von Mensch und Maschine zulassen.<\/p>\n<p>Bei all den \u00c4nderungen blieb der Mensch zentrales Steuerelement des Organismus.<\/p>\n<p>Wir denken, dass aktuelle Entwicklungen in eine neue Richtung gehen, in der die Selbstbestimmung des Menschen nicht mehr ihm selber \u00fcberlassen wird.<\/p>\n<p>Ein pr\u00e4gnantes Beispiel stellt PeopleKeeper von Lauren McCarthy und Kyle McDonald dar.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/dma.ucla.edu\/faculty\/profiles\/?ID=110\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Lauren McCarthy<\/a> und <a href=\"https:\/\/tisch.nyu.edu\/about\/directory\/itp\/884837122\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Kyle McDonald<\/a> sind zwei Kunstschaffende, die sich intensiv mit Code und den Effekten von Technologie auf Menschen auseinandersetzen. McCarthy ist Assistenzprofessorin an der UCLA im Bereich Design Media Arts. McDonald war als Assistenzprofessor im Departement Emerging Media an der NYU Tisch School of The Arts t\u00e4tig.<\/p>\n<p><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-9093 size-full\" src=\"https:\/\/magazine.swissinformatics.org\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/PeopleKeeper_Image_1.png\" alt=\"pplkpr app\" width=\"960\" height=\"640\" srcset=\"https:\/\/magazine.swissinformatics.org\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/PeopleKeeper_Image_1.png 960w, https:\/\/magazine.swissinformatics.org\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/PeopleKeeper_Image_1-300x200.png 300w, https:\/\/magazine.swissinformatics.org\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/PeopleKeeper_Image_1-768x512.png 768w\" sizes=\"(max-width: 960px) 100vw, 960px\" \/><\/p>\n<p>Die K\u00fcnstler McCarthy und McDonald entwickelten im Rahmen einer einw\u00f6chigen Residency an der Carnegie Mellon University zusammen mit Studierenden eine App, die die User ihre Beziehungen \u00fcberwachen l\u00e4sst. Die App ist verbunden mit einem am Handgelenk getragenen Herzfrequenzmesser und wertet alle gesammelten Daten \u00fcber die sozialen Interaktionen aus und verwaltet diese automatisch. Die Entscheidungen, ob die Personen im Umfeld einen positiven oder negativen Einfluss auf die Emotionen haben, k\u00f6nnen der App \u00fcberlassen werden. Personen die man nicht mag, werden von der App erkannt. Sie legitimiert zugleich eine Absage f\u00fcr ein Treffen und liefert die Begr\u00fcndung. Diese v\u00f6llige Abgabe der Verantwortung f\u00fcr eine Entscheidung ist eine radikale Verwendungsart der App. Etwas abgeschw\u00e4cht kann sie auch schlicht bei unsicherer Gef\u00fchlslage eine entscheidende Rolle spielen oder best\u00e4tigend wirken.<\/p>\n<p>Das Kunstprojekt <a href=\"http:\/\/pplkpr.com\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">PeopleKeeper<\/a> vertraut einen Bestandteil des menschlichen Lebens der Automation an, der zuvor lieber bei sich behalten wurde: die Gef\u00fchle. Mit der App werden Emotionen registriert und ausgewertet und die Benutzer*Innen m\u00fcssen sich nicht l\u00e4nger selber dar\u00fcber bewusst werden, wer die eigentlichen St\u00f6renfriede ihres emotionalen Gleichgewichts sind. Emotionen werden nicht mehr als etwas willk\u00fcrliches und unfassbares, sondern als berechenbar und quantifizierbar wahrgenommen. Nicht der Mensch, aber die Maschine wird Herr \u00fcber das eigene Bewusstsein.<\/p>\n<p>Und was geschieht mit dem Bewusstsein des Menschen? F\u00fchrt diese Anwendung zu v\u00f6lliger Entkoppelung des physischen und psychischen? Erleichtert die App einen Zugang zur Wahrnehmung des K\u00f6rpers und dessen Signale?<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/pplkpr.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">PeopleKeeper<\/a> soll das Leben einfacher machen. Doch ist es wirklich ein Vorteil f\u00fcr alle Individuen, sowie f\u00fcr die Gesellschaft, wenn jede Person nur noch jene Leute trifft, auf die sie positiv reagiert? Es ist schwer auszumalen, was geschieht, wenn wir immer den Personen ausweichen, die anstrengend sind, uns herausfordern und kritisieren und somit Unwohlsein bereiten. Genau solche Personen sind unserer Meinung nach ungemein wichtig, wenn es darum geht, sich selber weiter zu entwickeln, die eigenen Standpunkte zu \u00fcberdenken, uns aus dem Wohlf\u00fchlbereich herauszukitzeln und aufzuwecken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-9094 size-full\" src=\"https:\/\/magazine.swissinformatics.org\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/PeopleKeeper_Image_2.png\" alt=\"\" width=\"961\" height=\"640\" srcset=\"https:\/\/magazine.swissinformatics.org\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/PeopleKeeper_Image_2.png 961w, https:\/\/magazine.swissinformatics.org\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/PeopleKeeper_Image_2-300x200.png 300w, https:\/\/magazine.swissinformatics.org\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/PeopleKeeper_Image_2-768x511.png 768w\" sizes=\"(max-width: 961px) 100vw, 961px\" \/><\/p>\n<p>Die Arbeit <a href=\"http:\/\/pplkpr.com\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">PeopleKeeper<\/a> bewegt sich an einer Grenze einer normalen App und einer ironischen Bemerkung \u00fcber diese. Damit provoziert sie die Auseinandersetzung mit dem Thema Automatisierung und Verantwortung. Genau dies ist auch die St\u00e4rke dieser Arbeit und unterscheidet diese App von einer wie <a href=\"http:\/\/www.meteoswiss.admin.ch\/home\/services-and-publications\/beratung-und-service\/meteoswiss-app.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">MeteoSwiss<\/a>. Nicht der Nutzen der Automation, sondern vielmehr die Auseinandersetzung mit eben diesem wird gesucht und gefordert, wie es keine handels\u00fcbliche Anwendung zum Ziel hat. Auch wenn PeopleKeeper ohne Hinterfragen verwendet werden kann und auch wird, konfrontiert sie das Gegen\u00fcber mit sich und stellt zus\u00e4tzlich Fragen an eine weit gr\u00f6ssere Anzahl Menschen als lediglich die Benutzer*Innen.<\/p>\n<p>Beispielsweise wirft es unz\u00e4hlige Fragen auf bez\u00fcglich des Grades der Immersion von Applikationen in all unseren Lebensbereichen. Sie dringt in eine neue Sph\u00e4re des Trackings ein und testet die M\u00f6glichkeiten der Digitalisierung. Die nonverbale Kommunikation wird quantifiziert und klassifiziert. Das Erfassen und Auswerten von nonverbaler Kommunikation erm\u00f6glicht allen Benutzer*Innen einen komplett neuen Blick auf ihre wortlose Verst\u00e4ndigung. Die Auswertung solcher Daten durch Individuen kann nat\u00fcrlich im Wissen um alte Reaktionen zuk\u00fcnftige Begegnungen beeinflussen.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-9095\" src=\"https:\/\/magazine.swissinformatics.org\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/PeopleKeeper_Image_3.png\" alt=\"Das Programm Pakett\" width=\"961\" height=\"640\" srcset=\"https:\/\/magazine.swissinformatics.org\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/PeopleKeeper_Image_3.png 961w, https:\/\/magazine.swissinformatics.org\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/PeopleKeeper_Image_3-300x200.png 300w, https:\/\/magazine.swissinformatics.org\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/PeopleKeeper_Image_3-768x511.png 768w\" sizes=\"(max-width: 961px) 100vw, 961px\" \/><\/p>\n<p>Wir bekommen oft das Gef\u00fchl, dass die Technologie versucht unser Leben zu optimieren, in Hinblick auf Zeit und Geld und Bequemlichkeit. PeopleKeeper greift auch hier, da die Applikation sich damit r\u00fchmt, das Sozialleben aufzur\u00e4umen, zu verwalten und die Zukunft davon zu organisieren.<\/p>\n<p>Die Arbeit von McCarthy und McDonald \u00fcberzeugt dadurch, dass sie sehr verschiedene Aspekte der Digitalisierung sichtbar macht und die Diskussion dar\u00fcber anregt. In diesem Sinne: ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr derartige Kunstwerke, die alltagstauglich und niederschwellig sind und dadurch ein breites Publikum ansprechen und uns wertvolle neue Perspektiven auf sich im Alltag manifestiertes bringen.<\/p>\n<p>Julia Schicker and Anna Kaelin<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als Maschinen entstanden sind, brauchte es den Menschen, um diese zu Steuern. Heute ist die ganze Technologie derart immersiv, dass es in diesem Bereich eine Verschiebung gab: Maschinen werden zu einem zentralen Steuerelement und die Menschen lassen sich von deren Informationen leiten. 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