{"id":9037,"date":"2019-01-02T11:11:37","date_gmt":"2019-01-02T10:11:37","guid":{"rendered":"https:\/\/magazine.swissinformatics.org\/digitale-verfuhrung-ein-interview-mit-matthias-wesselmann\/"},"modified":"2021-03-25T09:47:05","modified_gmt":"2021-03-25T08:47:05","slug":"digitale-verfuhrung-ein-interview-mit-matthias-wesselmann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/magazine.swissinformatics.org\/fr\/digitale-verfuhrung-ein-interview-mit-matthias-wesselmann\/","title":{"rendered":"Digitale Verf\u00fchrung: Ein Interview mit Matthias Wesselmann"},"content":{"rendered":"<p><strong>Im 21. Jahrhundert l\u00e4sst die Digitalisierung kein Feld unber\u00fchrt. Anfangs skeptisch be\u00e4ugt, erkennt inzwischen eine Vielzahl an Unternehmen den Nutzen und die damit verbundenen Vorteile der Digitalisierung. Big Data, Cloud-L\u00f6sungen, Augmented und Virtual Reality haben in den letzten Jahren Fu\u00df gefasst und machen den Weg frei f\u00fcr weitere Trends, die die Digitalisierung weiter vorantreiben. Unternehmen versuchen, mit diesen Entwicklungen Schritt zu halten. Eines der bekanntesten Schlagworte hierbei ist das Information Supply Chain Management. Doch wie steht es tats\u00e4chlich um die Leistungsf\u00e4higkeit der Unternehmen f\u00fcr die digitale Zukunft? Welchen Herausforderungen sich die verschiedenen M\u00e4rkte im digitalen Zeitalter stellen m\u00fcssen, welche Rolle das Information Supply Chain Management spielt und wie die EDEN Studie geboren wurde, erl\u00e4utert Temel Kahyaoglu, Vorstand von The Group of Analysts.\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Was bedeutet der digitale Wandel in der Wirtschaft f\u00fcr Sie pers\u00f6nlich?\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Dies ist eine wunderbare M\u00f6glichkeit f\u00fcr jeden, Dinge infrage zu stellen. Businesspotentiale blieben in der Vergangenheit oft unerforscht beziehungsweise dedizierten Personenkreisen vorbehalten. Der digitale Wandel bringt viele neue Fragen auf den Tisch und erweitert den Personenkreis der Befragten. Das halte ich pers\u00f6nlich f\u00fcr eine sehr gute Sache.<\/p>\n<p><strong>Sie arbeiten seit Jahren intensiv mit dem Demand- und Supply-Markt zusammen. Was sind Ihrer Erfahrung nach die Herausforderungen, denen sich Unternehmen momentan stellen m\u00fcssen?<\/strong><\/p>\n<p>Ich denke, die gr\u00f6\u00dften Herausforderungen betreffen zurzeit den Supply-Markt. Die Innovationszyklen verk\u00fcrzen sich, die Lizenzmodelle wandeln sich, die Kollaborationsanforderungen sind immens, und der Anspruch und das Bed\u00fcrfnis nach prozessualer Beratung sind inh\u00e4rent in Softwareprojekten manifestiert. Die Unternehmen und die damit handelnden Menschen sind noch die gleichen wie vor zehn Jahren. Der Wandel in den K\u00f6pfen ist noch nicht \u00fcberall und auf allen Ebenen vollzogen. Das ist auch ein Problem, welches als Herausforderung dem Demand-Markt zu schaffen macht. Heute suchen die Demand-Unternehmen weniger nach Funktionen, denn nach Menschen mit dem richtigen Kompass, um die Businessherausforderungen des Demand-Marktes zu verstehen und ihn zum gelobten Land zu f\u00fchren. F\u00fcr uns als Analysten ist gut sichtbar, dass diese zwei Probleme eng miteinander in Korrelation stehen und L\u00f6sungen nur m\u00f6glich sind, wenn beide Ebenen betrachtet werden. Damit ist die Verantwortung der handelnden Personen im Demand-Markt gestiegen, die aber immer noch nach veralteten Mustern agieren.<\/p>\n<p><strong>Als Chefanalyst haben Sie \u00dcberblick \u00fcber den ganzen Markt. Welche digitalen Trends haben das meiste Zukunftspotential?\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Seit vielen Jahren sind die zwei Hemisph\u00e4ren von klassischen IT-Systemen und dienstleistungsorientierten Marketingapplikationen voneinander getrennt. Sowohl aus Sicht der Supply-M\u00e4rkte als auch aus der der beschaffenden Personen im Demand. Dies hat sich nun grundlegend ge\u00e4ndert. Das ist eine Tatsache. Folglich haben f\u00fcr mich die Unternehmen das gr\u00f6\u00dfte Potential, die den Spirit der \u201eApp-basierten\u201c, \u201eEnduser-affinen\u201c und \u201eErgebnis-orientierten\u201c Prozesstools mit der Komplexit\u00e4t der klassischen IT-Systeme, den \u201eBig-Data-orientierten\u201c, \u201eKontext-affinen\u201c und \u201eintegrationsf\u00e4higen\u201c Datenbanksystemen kombinieren k\u00f6nnen und dabei als Unternehmen so fancy wie Apple, Google &amp; Co. daherkommen. Also Unternehmen, die alle drei Ebenen perfekt beherrschen. Im Moment herrscht ein gro\u00dfes Durcheinander am Markt. Denn alle Unternehmen haben eine singul\u00e4re Historie in einer der drei Ebenen. Der Mensch tendiert aber leider eben nicht automatisch dazu, die Ebenen anzugehen, die er nicht beherrscht oder sogar argumentativ bek\u00e4mpft hat. Aber es gibt sie da drau\u00dfen \u2013 die Vision\u00e4re.<\/p>\n<p><strong>Im Jahr 2008 wurde das Information Supply Chain Management geboren und ist seitdem ein essenzieller Teil der Wirtschaft. Worauf basiert Ihrer Meinung nach der durchschlagende Erfolg des ISCM?\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Der Begriff ist aus einer Bierlaune heraus entstanden, als ich 2007 meinen Freund, den Logistikfachmann der damaligen Ratiopharm gefragt habe, was er eigentlich den ganzen Tag mache. Die Lehre des Supply Chain Managements war ein ideales Modell f\u00fcr mich, um die steigende Anzahl von Best of Breed-Softwareherstellern in eine Art Landkarte zu pressen, die auch f\u00fcr Nicht-ITler nachvollziehbar war. Mit dem Apple-i \u2013 mit \u201ei\u201c f\u00fcr Information statt Internet \u2013 war der Begriff Information Supply Chain dann geboren. Ehrlich gesagt, konnte ich damals nicht absch\u00e4tzen, dass der holistische Ansatz zehn Jahre sp\u00e4ter die Basis aller heutigen IT-Entscheidungen und -Projekte darstellen w\u00fcrde. Ich w\u00fcrde ja gerne romantisch verkl\u00e4rt sagen, dass ich das irgendwie geahnt h\u00e4tte, aber das habe ich nicht. Stellen Sie sich vor, Sie wollen die Welt erobern, breiten eine gro\u00dfe leere Karte vor sich aus, auf der nur die Ozeane zu sehen sind. Die wirken dann ganz sch\u00f6n ambitioniert, diese gro\u00dfen wei\u00dfen Fl\u00e4chen. Wenn Sie aber drei Kontinente einzeichnen mit den ersten gr\u00f6\u00dferen Landfl\u00e4chen und damit eine Basis legen, dann erscheint die Aufgabe zwar immer noch immens, aber darstellbar. Das ist das Prinzip des ISCM. Strukturierend, aber nicht eingrenzend. Denn die Landesgrenzen der einzelnen noch zu definierenden L\u00e4nder k\u00f6nnen Sie frei zeichnen. Und wenn Sie ganz mutig sind, k\u00f6nnen Sie bestehende Landfl\u00e4chen ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p><strong>Welcher Gedanke steht hinter der EDEN Studie und wie wurde dieser ins Leben gerufen?\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>EDEN ist aus dem Verst\u00e4ndnis heraus entstanden, dass der Supply-Markt nicht alleine daf\u00fcr verantwortlich ist, den digitalen Wandel herbeizuf\u00fchren. Der Demand-Markt muss in allen IT-Fragen emanzipiert werden. Nur dann kann der Wandel gelingen. Aber um diese Emanzipation zu provozieren, braucht es Erkenntnis. Deshalb haben wir uns entschlossen, den Demand-Markt einer Observation zu unterziehen. Mit dem Begriff der Erkenntnis war dann auch schnell die Metapher zum Garten Eden geboren. Um eine einvernehmliche Basis zu bestimmen, haben wir einen Idealwert f\u00fcr das bereits vollst\u00e4ndig digitalisierte und erfolgreiche Unternehmen festgelegt. Das ist ein messbarer Wert von 2.500 Punkten. Unsere Norm der digitalen Entit\u00e4t. So kann jeder mit dem EDEN Fragenkatalog seinen eigenen Wert ermitteln und schauen, wie weit er noch vom Ideal oder der Norm entfernt ist, und damit je nach Ergebnis die wei\u00dfen Fl\u00e4chen auf seiner Landkarte entziffern. Das hilft ungemein. Und da unser Blick nicht singul\u00e4r auf den DACH-Markt, sondern auf Europa gerichtet ist, steht das erste E f\u00fcr Europa. EDEN selbst steht f\u00fcr European Digital Entity Norm.<\/p>\n<p><strong>Welches sind die Erkenntnisse der Studie, die Sie am meisten \u00fcberrascht haben?\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Wir haben zusammen mit unserem wissenschaftlichen Partner techconsult in der Vorab-Studie 300\u00a0Unternehmen befragt, um die Basis f\u00fcr unsere EDEN Norm zu identifizieren. Im Verh\u00e4ltnis der Branchen und L\u00e4nder zueinander, muss ich gestehen, haben wir keine gro\u00dfen \u00dcberraschungen erlebt. Allerdings ein wenig schockiert war ich \u00fcber die sehr gro\u00dfe Anzahl der bereits umgesetzten IT-Projekte und eingef\u00fchrten Systeme, die einer unheimlich niedrigen Anzahl von optimierten Prozessen, neuen Gesch\u00e4ftsmodellen oder gar einem nachweisbaren ROI gegen\u00fcberstanden. Mit anderen Worten: Es wurde in der Vergangenheit viel investiert, aber wenig erreicht.<\/p>\n<p><strong>Was bedeuten die Ergebnisse f\u00fcr die europ\u00e4ische Wirtschaft?\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Das Delta ist damit ambitioniert. Denn nicht immer ist das Auff\u00fcllen eines fehlenden Puzzlest\u00fccks gefordert, sondern das Einsetzen einer neuen Energie, die auch bestehende Systeme, die m\u00f6glicherweise funktional gut sind, in die Dimension der Rentabilit\u00e4t bringt. Das stellt die Entscheider sehr schnell vor die Frage: \u201eKeep or replace?\u201c Aber diese Frage l\u00e4sst sich in der Regel eben nicht funktional beantworten. Und die Berater und Analysten im Markt m\u00fcssen endlich damit aufh\u00f6ren, die Kalorien von \u00c4pfeln und Birnen zu z\u00e4hlen. Das ist sicher auch eine kulturelle Frage. Wir sehen viele Innovatoren zum Beispiel in den Niederlanden. Obschon die M\u00f6glichkeiten beispielsweise in Frankreich, Deutschland und im UK quantitativ deutlich gr\u00f6\u00dfer w\u00e4ren. Aber wir sehen auch, dass es eben Bedeutung f\u00fcr Europa und nicht singul\u00e4r f\u00fcr den DACH-Raum hat.<\/p>\n<p><strong>Wie kann die Studie Unternehmen dabei helfen, ihr verstecktes Potential auszusch\u00f6pfen?<\/strong><\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen, ehrlich gesagt, nicht allzu viel beitragen. Aber wir k\u00f6nnen den Anfang machen. Die Studie hilft, das Delta zu identifizieren, die Zusammenh\u00e4nge zu verstehen, den Status quo zu bewerten und eine Basis an Antworten zu liefern, die in einem gr\u00f6\u00dferen Gremium mit geringeren Fachkenntnissen besprochen und reflektiert werden kann. Nat\u00fcrlich freuen wir uns, wenn unsere TGOA-Analysten bei dieser Anamnese und den daraus resultierenden Gespr\u00e4chen Katalysator, Mediator, Experte und kreativer Inputgeber zugleich sein d\u00fcrfen. Aber nat\u00fcrlich k\u00f6nnen sie dies auch mit anderen Marktteilnehmern tun. Wir wollen schlicht helfen, den Anfang zu markieren.<\/p>\n<p><strong>Der Fokus der ersten EDEN Studie liegt auf Europa. Gibt es Pl\u00e4ne, den Digitalisierungsgrad von Unternehmen weltweit zu ermitteln?<\/strong><\/p>\n<p>Wer mich pers\u00f6nlich kennt, kennt die Antwort bereits. Es ist allerdings klar, dass bei all unseren Anamnesen der Mensch im Vordergrund steht. Als Kulturwandler kann ich aus pers\u00f6nlicher \u00dcberzeugung sagen, dass eine Ausweitung in die USA und nach Asien nur funktionieren kann, wenn wir wissenschaftliche Partner in den Geografien vor Ort finden. Das ist sicher ein Ziel ab 2019, aber nicht f\u00fcr das Jahr 2018.<\/p>\n<p><strong>Was sind die Zukunftsvisionen der Group of Analysts?<\/strong><\/p>\n<p>Wir glauben aus tiefster innerer \u00dcberzeugung daran, dass nur viele Menschen zusammen etwas bewirken k\u00f6nnen. Wir dr\u00fccken das bereits in unserem Firmennamen aus. Unsere Vision ist eine gro\u00dfe Gruppe von Analysten, die ein weltweites Netz von Wissenstr\u00e4gern darstellen und geb\u00fcndelt ihr Know-how und ihre Erfahrungen in den Topf TGOA geben, um selbst auch von den Erkenntnissen der Kollegen zu profitieren. Wir bieten mit unserem Modell Cosmos, das f\u00fcr \u201ecooperation on specialized methodologies\u201c steht, die Plattform f\u00fcr diesen kollaborativen Verbund. Es sind bereits einige Cosmonauten im Sinne der TGOA unterwegs, und wir freuen uns auf die n\u00e4chsten Monate und Jahre, um die Idee \u00fcber den Tipping Point zu bringen.<\/p>\n<p>Weitere Informationen:\u00a0<a href=\"https:\/\/www.edenstudy.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">edenstudy.com<\/a><\/p>\n<p><strong>Temel Kahyaoglu<br \/>\n<\/strong><em>Temel Kahyaoglu ist Vorstand von The Group of Analysts AG und Chief Analyst f\u00fcr das Information Supply Chain Management.<\/em><\/p>\n<p><strong>Matthias Wesselmann<br \/>\n<\/strong><em>Matthias Wesselmann ist Vorstand der Agenturgruppe fischerAppelt AG und Inhaber der Marketing-Technologieagentur ENGN. Zuvor war er Director Group Marketing &amp; Communications bei Vitra und von 2007 bis 2011 als Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer f\u00fcr fischerAppelt in Stuttgart t\u00e4tig. Davor arbeitete er als Berater bei Mummert Communications. Wesselmann hat Angewandte Medienwissenschaft studiert und ist Dozent an der Quadriga Hochschule in Berlin.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im 21. Jahrhundert l\u00e4sst die Digitalisierung kein Feld unber\u00fchrt. Anfangs skeptisch be\u00e4ugt, erkennt inzwischen eine Vielzahl an Unternehmen den Nutzen und die damit verbundenen Vorteile der Digitalisierung. Big Data, Cloud-L\u00f6sungen, Augmented und Virtual Reality haben in den letzten Jahren Fu\u00df gefasst und machen den Weg frei f\u00fcr weitere Trends, die die Digitalisierung weiter vorantreiben. 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