IT-Feuer – Nora Sailer

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Nora Sailer
 

Nora Sailer

Firmeninhaberin, Softwareentwicklerin

Alter: 53
Keine Kinder

„Stelle dir vor, wie du dich in Zukunft fühlst, wenn du am Morgen aufstehst und dir den Arbeitstag vorstellst. Fühlt es sich zäh an? Lass die Finger davon, denn du wirst vermutlich viele Jahre mit diesem zähen Gefühl verbringen müssen. Fühlt es sich motivierend an? Dann könnte es etwas für dich sein.“

Werdegang: Eidg. dipl. Übersetzerin D, F, E; danach 5 Jahre als Übersetzerin tätig · Firmenintern in den IT-Support gewechselt, berufsbegleitend das eidg. Diplom in Wirtschaftsinformatik gemacht · Wechsel zu Softwareentwicklung in KMU · Aufstieg zur Geschäftsführerin, gleichzeitig weiter entwickelt und IT-Projekte geleitet · 2003 Gründung der eigenen Softwareentwicklungsfirma, aktuell mit 3 Angestellten.

 

Wie sind Sie in die IT-Branche gekommen?

Welches war Ihre erste Begegnung mit IT?   Wann, wie und warum haben Sie dann Feuer gefangen?
Mein Bruder hat meine Eltern dazu überredet, mir für meine Ausbildung als Übersetzerin einen Mac zu kaufen, weil damit die vielen schriftlichen Aufgaben viel leichter zu bewältigen waren. Es war für mich eine Offenbarung, nicht nur für Textverarbeitung.

Wie alt waren Sie da?
Ca. 22 Jahre.

Wie alt waren Sie, als es ernst wurde und Sie sich für eine Berufslehre bzw. für eine Studienrichtung entscheiden mussten?
Ab 17 habe ich die Ausbildung zur Übersetzerin aufgegleist, mit 19 habe ich sie konkret angefangen.
Für die Informatik musste ich mich also nie entscheiden, ich habe einfach mit 28 beschlossen, dass das Arbeitsleben noch mehr zu bieten hat. Ich konnte innerhalb der Firma in die IT wechseln und habe dort zuerst on the job gelernt. 1999 habe ich dann das Diplom noch drangehängt.

Was für alternative Berufe oder Studienrichtungen haben Sie damals ebenfalls interessiert?
Vor der Ausbildung zur Übersetzerin: Verlagslektorin, Buchhändlerin – einfach zwingend etwas mit Büchern oder Sprachen.
Vor der Ausbildung zur Informatikerin: Rechtsanwältin.

Welche Infos hatten Sie damals über die Ausbildung und die Möglichkeiten danach?
Vor der Ausbildung zur Übersetzerin: Vermutlich so ziemlich alle; meine Eltern haben mir eine exzellenten Berufsberaterin vermittelt und bezahlt.
Vor der Ausbildung zur Informatikerin: Bin wieder auf die gleiche Berufsberaterin zugegangen.

Was sprach dagegen aus Ihrer damaligen Sicht?
Übersetzerin: Übersetzen ist nicht sehr kreativ, man muss Texte von anderen übersetzen, die teilweise im Original inhaltlich falsch oder schlecht aufgebaut sind. Daran bin ich letztlich auch gescheitert.
Informatikerin: Eine berufsbegleitende Ausbildung ist happig, zumal der damalige Arbeitgeber nicht bereit war, meine 100% auf 80% zu kürzen. So musste ich zuerst eine andere Stelle suchen, um eineinhalb Jahre lang nicht nur abends und am Samstag, sondern auch am Montag in die Schule gehen zu können. Das hat zum Glück schnell geklappt.

Wer, welche Personen, welche Umstände haben für Sie damals gegen eine Laufbahn, in der IT zu gesprochen?
Als ich mich dann für die IT entschieden habe, war ich zu alt, als dass noch jemand hätte dagegenreden können 😊. Und die Umstände waren abgesehen von den oben geschilderten Schwierigkeiten günstig.

Was war letztendlich doch ausschlaggebend für Ihren Entscheid, in die IT zu gehen?

Wer, welche Personen, haben Sie damals unterstützt?
Mein damaliger Lebenspartner hat mich sehr angefeuert, den Wechsel zu wagen, obwohl ich während der Ausbildung eigentlich keine Freizeit mehr hatte.
Meine Eltern haben mir sowohl die Schule als auch die Prüfungsgebühren bezahlt, obwohl ich das auch selber hätte stemmen können.
Der grösste Widerstand war sicher ich selbst: Ich habe Prüfungsangst, und die schriftliche Prüfung hat damals drei volle Tage hintereinander gedauert.
Heute sind berufsbegleitende Ausbildungen vielleicht etwas einfacher gestaltet als damals: Es gab kaum Möglichkeiten, keinen Wochentag dranzugeben, und die Geschäfte gingen in der Woche um 18.30 Uhr, am Samstag schon um 16.00 Uhr zu. Online-Lern-Module gab es natürlich noch nicht, es war voller Präsenzunterricht. So hatte ich neben Beruf, Sport und Schule eigentlich keine Chance, eben mal einkaufen zu gehen, das hat eineinhalb Jahre lang mein Partner alleine gemacht.
Ich war die einzige Frau in der Klasse, das war innerhalb des Klassenverbandes kein Thema, aber die Dozenten waren zum Teil seltsam… Ein Beispiel: Ein neuer Dozent wollte am Anfang der ersten Stunde, dass sich jeder kurz vorstellt. Die meisten Kollegen haben erzählt, sie hätten die und die Hobbies, und sie hätten soundsoviele Kinder. Als ich an die Reihe kam, hat er mich gar nicht zu Wort kommen lassen, sondern gesagt: „Du hast sicher keine Familie, sonst wärst Du gar nicht hier.“ Danach hat er das Wort meinem Sitznachbarn übergeben.

Wie verlief Ihr Weg nach der Ausbildung bzw. nach dem Studium?

Welches waren Ihre ersten Schritte nach dem Studium?
Übersetzerin: Direkt in den Job einsteigen.
IT: Weiterarbeiten, hatte die Stelle ja schon.

Wo standen Sie in Ihrer Karriere fünf Jahre nach Ende der Ausbildung/Studium?
Übersetzerin: Intern zur IT gewechselt.
IT: Geschäftsführerin geworden, danach Gründung des eigenen Unternehmens.

Hatten Sie
a) Denselben Lohn wie Ihre männlichen Kollegen?
Ja.

b) Dieselben Karrierechancen?
Ja.

Wie schätzen Sie die Entscheidung für die IT rückblickend ein?

Welche Ihrer Erwartungen wurden erfüllt?
Eigentlich alle: Es ist spannend, es ist kreativ, es ist strukturierter als Linguistik, und man kann ständig neue Fachdomänen lernen, je nach Auftrag.

Was freut Sie am meisten an ihrer aktuellen beruflichen Situation?
Die Selbständigkeit, die Vielseitigkeit.

Welche Ihrer Erwartungen wurden nicht erfüllt?

Würden Sie denselben Entscheid nochmals treffen?
Oh ja!

Was bereuen oder kritisieren Sie?
Nichts.

Wie wäre/würde Ihre Laufbahn anders verlaufen, wenn Sie ein Mann wären?
Hm, schwierig zu sagen. Vermutlich nicht so sehr anders.

Was würden Sie anders machen, und wie genau, wenn Sie könnten?
Nichts.

Hätten Sie einen Zauberstab, was würden Sie sich wünschen?
Das verrate ich nicht, diese Vision steckt noch zu sehr in den Kinderschuhen 😊. Sie hat was mit Produkteentwicklung und Markterschliessung zu tun.

Was raten Sie Ihrer Tochter?

Welche Ratschläge würden Sie ihrer 15-jährigen Tochter mit auf den Weg geben, wenn sie gern in die IT gehen möchte?
Schnuppern gehen, Leute befragen, die diesen Weg bereits gewählt haben.

Was ist für Sie in beruflicher Hinsicht wichtig im Leben?
Aufwachen und mich auf den Tag freuen.

Worauf müsste eine junge Frau, die im Jahr 2061 pensioniert wird, bei der Gestaltung ihre Laufbahn achten?
Darauf, möglichst nie oder nur über kurze Zeit von einem Partner finanziell abhängig zu sein. Lieber die Laufbahn etwas ruhiger angehen, wenn sie dafür Spass macht und die Existenz sichert.

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