NEUROGRAPHY

Irgendwie erkennt man Gesichter. Und irgendwie alte Meister. Aber irgendwie ist’s auch ein bisschen beängstigend. Die Bilder sind Teil von Mario Klingemanns Video-Arbeit ​79530 Selfportraits​, bei welcher der Künstler ein neuronales Netzwerk ausschliesslich mit Portraits von alten Meistern trainiert hat. Die künstliche Intelligenz, welche mithilfe einer Webcam «sieht», erkennt nun so ziemlich überall Gesichter – auch wenn diese nur mit Kugelschreiber auf Mario Klingemanns Finger gemalt sind. Sie ist quasi spezialisiert auf Gesichtserkennung und versucht erkannte Gesichter möglichst ähnlich den bekannten Portraits zu machen.

Mario Klingemann hat weder Informatik noch Kunst studiert, und doch findet er sich mit seinem Schaffen irgendwo dazwischen wieder. «Ich war nie gut im Malen», sagt er, «ich habe aber visuelle Ideen. Deshalb benutze ich Maschinen.»1 Sein Ziel dabei war, neue Sachen zu entwickeln, die er nur punktuell kontrollieren will oder kann. Die Algorithmen sind so geschrieben, dass sie die Bilder möglichst ohne sein Dazutun gestalten. Er will sich überraschen lassen.2 Mit seinen neuronalen Netzwerken gelingt ihm genau das, denn er trainiert das Netzwerk gezielt, initiiert damit dessen Schaffensprozess und sieht sich dann die Resultate an.

Was dabei rauskommt, ist eine Fülle an Entwürfen. Tausende werden generiert, doch nur wenige sucht er sich aus. Klingemann nennt diese Technik «Neurography». Den Begriff gibt es bereits in der Medizin, aber er gibt ihm einen neue Bedeutung: Er lässt die Neuronen «zeichnen» und erstellt damit quasi eine virtuelle abstrakte Welt in der er umhergeht und Bilder entnimmt. Er erstellt diese Welten und Räume selber, mischt sie miteinander und macht eine Auswahl von Resultaten. Wie ein Fotograf sucht er aus der Fülle an Material spannende Motive heraus. Und auch wie beim fotografieren variiert er bei interessanten Motiven den Ausschnitt oder den Winkel und erstellt so verschiedene Varianten des Gleichen aus denen er die Besten auswählen kann.

Klingemann Bild 1

Das Experimentieren spielt eine essenzielle Rolle in seiner Arbeit. Dennoch braucht er eine Vorstellung, wie das Endprodukt aussehen soll, damit Mario Klingemann sich mit seinen Experimenten immer näher an diese Idee herantasten kann und diese zugleich mit den Experimenten erweitern kann. Denn sein Ziel ist es, Bilder zu entwickeln, die neu sind, und nicht nur an Bestehendes und Bekanntes erinnern.3

Viele der Bilder, welche mit dieser Technik entstehen, erinnern an surrealistische Werke. Das traumartige lässt sich unschwer erkennen. Seine Arbeit wird auch in Verbindung gebracht mit jener von Max Ernst, der mit seinen Frottages versuchte, neue Formen zu finden. Max Ernst ging es darum Vorschläge zu finden, die in seinem eigenen Repertoire nicht enthalten waren – eine sehr ähnliches Ziel, wie es Klingemann heute verfolgt, einzig mit einer anderen Technik, respektive mit einem anderen Werkzeug. Die Bilderzeugung liegt bei Max Ernst viel mehr noch in seinen eigenen Händen. Mario Klingemann hat Mitarbeiter. Der Computer schafft für ihn nach Auftrag, Klingemann ist der Auftraggeber und Entscheidungsträger.

Im Prinzip ist diese Arbeitsweise von Mario Klingemann nichts Neues. Seit jeher hatten Künstler Mitarbeiter und Assistierende. Jedoch benutzt Klingemann ein neuronales Netzwerk, der nach dem Verständnis einiger Menschen selber denkt. Sollte sich Mario als Künstlerduo bezeichnen? Ist nun das neuronale Netzwerk oder Mario Klingemann kreativ? Wer von den beiden ist kunstschaffend? Eine Frage nach der Autorschaft, welche sich bei dieser Vorgehensweise vielleicht je länger desto mehr stellt.

Ein auf jeden Fall weiterer interessanter Aspekt von Mario Klingemanns Arbeit ist, dass er mit der Perspektive eines Künstlers andere Fragen stellt denn jene, die WissenschaftlerInnen verfolgen. Seine Arbeit hat dadurch ein Potenzial, das Medium und dessen Möglichkeiten weiter zu bringen.

 

Es ist weiterhin fraglich, ob die von der Maschine nach einem Algorithmus erstellten Portraits auch wirklich Portraits im klassischen Sinne sind. Kann das neuronale Netzwerk den Charakter und Gefühle einer Person erfassen, wie es ein Mensch und wohl mehr noch ein Portraitmaler oder Fotograf in der Lage ist? Die künstliche Intelligenz von Mario Klingemann geht auf diesen Aspekt nicht ein. Vielmehr wird die Art und Weise, wie alte Meister Portraits gemalt haben auf die von ihm gesuchten Bilder übertragen. Was jedoch genau die Kriterien sind, nach der die künstliche Intelligenz entscheidet, können wir höchstens nach eingehendem Studieren der entstandenen Bilder erahnen, jedoch nie abschliessend bestimmen. Und einzig Mario Klingemann kann eingreifen und aus der Menge an Bildern jene Portraits auswählen, die den Charakter der Person am ehesten wiedergeben. Genauso wie auch er entscheidet, welche Bilder interessant sind.

Mario Klingemann sagt, dass die Entwicklung der menschlichen Kultur immer parallel lief zur Entwicklung der Werkzeuge. Somit macht er eigentlich nur den nächsten logischen Schritt. Und wie bei jedem Werkzeug will der Umgang damit gelernt sein, bevor man Meisterwerke vollbringen kann. Mario Klingemann begreift also die Künstliche Intelligenz vielmehr als Werkzeug als als eigenständige kognitive Einheit.

Klingemann Bild 2

Alle uns vorhandenen Werkzeuge können zur Produktion von Kunst verwendet werden, wieso also nicht auch maschinelles Lernen? Auch die Fotografie hat in ihren Anfängen Künstler erschreckt, denn der Sinn und Nutzen ihrer bisherigen Arbeit war auf einen Schlag gefährdet durch das Werkzeug, welches ihr Bestreben mit einem Schlag besser erzielt als sie es mit der Malerei in der Lage waren. Schlussendlich liess sich aber erkennen, dass die Fotografie vielmehr ein Segen denn ein Fluch war. Die Malerei entwickelte sich weiter, sie raste förmlich durch mehrere Stilrichtungen innert weniger Jahrzehnte.4

Ob das maschinelle Lernen den gleichen Einfluss auf die Künste haben wird – sie kann ja nicht nur Bilder, sondern auch Musik und vieles weiteres entstehen lassen – wird sich zeigen. Auf jeden Fall lassen sich anhand der Arbeit von Mario Klingemann viele aktuelle drängende Fragen der Kunst in der heutigen Zeit diskutieren. Insofern freut es uns, hier einen Vortrag von ihm ankündigen zu können.

Mario Klingemann wird am 4. Oktober 2018 von 17:30 bis 18:30 sein Schaffen im Talk «Instruments of Creation» präsentieren. Der Event findet an der ETH Zürich im Gebäude CAB, Universitätstrasse 6, Raum G11 statt.

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About Anna Kaellin Julia Schicker 12 Articoli
Julia Schicker absolvierte einen Bachelor in Medialer Kunst an der ZHdK und studiert seit 2015 an der ETH Informatik. Anna Kälin absolvierte einen Masters in Art and Art Education und studiert sie Informatik an der ZHAW.