PeopleKeeper: Von Maschinen und Menschen

Als Maschinen entstanden sind, brauchte es den Menschen, um diese zu Steuern. Heute ist die ganze Technologie derart immersiv, dass es in diesem Bereich eine Verschiebung gab: Maschinen werden zu einem zentralen Steuerelement und die Menschen lassen sich von deren Informationen leiten. Ohne Maschinen finden wir uns kaum mehr zurecht, wir sind auf ihre Hilfe angewiesen.

Unser Kommentar diskutiert diese These anhand von eines Kunstwerkes namens PeopleKeeper.

Früh begann der Mensch Maschinen und Geräte zu bauen und Technologien zu entwickeln, die ihm im Alltag als Unterstützung dienten oder sogar einzelne Tätigkeiten ganz abnahmen. Entweder, weil er selbst nicht in der Lage war, diese auszuführen oder weil die Maschine besser war. Es ist eine implizite Erweiterung des Körpers, eine Horizonterweiterung gedachter Möglichkeiten. Genauso gibt es die explizite Erweiterung mit beispielsweise Prothesen, die zugleich eine Optimierung des menschlichen Körpers darstellen und eine physische Vermischung von Mensch und Maschine zulassen.

Bei all den Änderungen blieb der Mensch zentrales Steuerelement des Organismus.

Wir denken, dass aktuelle Entwicklungen in eine neue Richtung gehen, in der die Selbstbestimmung des Menschen nicht mehr ihm selber überlassen wird.

Ein prägnantes Beispiel stellt PeopleKeeper von Lauren McCarthy und Kyle McDonald dar.

Lauren McCarthy und Kyle McDonald sind zwei Kunstschaffende, die sich intensiv mit Code und den Effekten von Technologie auf Menschen auseinandersetzen. McCarthy ist Assistenzprofessorin an der UCLA im Bereich Design Media Arts. McDonald war als Assistenzprofessor im Departement Emerging Media an der NYU Tisch School of The Arts tätig.

pplkpr app

Die Künstler McCarthy und McDonald entwickelten im Rahmen einer einwöchigen Residency an der Carnegie Mellon University zusammen mit Studierenden eine App, die die User ihre Beziehungen überwachen lässt. Die App ist verbunden mit einem am Handgelenk getragenen Herzfrequenzmesser und wertet alle gesammelten Daten über die sozialen Interaktionen aus und verwaltet diese automatisch. Die Entscheidungen, ob die Personen im Umfeld einen positiven oder negativen Einfluss auf die Emotionen haben, können der App überlassen werden. Personen die man nicht mag, werden von der App erkannt. Sie legitimiert zugleich eine Absage für ein Treffen und liefert die Begründung. Diese völlige Abgabe der Verantwortung für eine Entscheidung ist eine radikale Verwendungsart der App. Etwas abgeschwächt kann sie auch schlicht bei unsicherer Gefühlslage eine entscheidende Rolle spielen oder bestätigend wirken.

Das Kunstprojekt PeopleKeeper vertraut einen Bestandteil des menschlichen Lebens der Automation an, der zuvor lieber bei sich behalten wurde: die Gefühle. Mit der App werden Emotionen registriert und ausgewertet und die Benutzer*Innen müssen sich nicht länger selber darüber bewusst werden, wer die eigentlichen Störenfriede ihres emotionalen Gleichgewichts sind. Emotionen werden nicht mehr als etwas willkürliches und unfassbares, sondern als berechenbar und quantifizierbar wahrgenommen. Nicht der Mensch, aber die Maschine wird Herr über das eigene Bewusstsein.

Und was geschieht mit dem Bewusstsein des Menschen? Führt diese Anwendung zu völliger Entkoppelung des physischen und psychischen? Erleichtert die App einen Zugang zur Wahrnehmung des Körpers und dessen Signale?

PeopleKeeper soll das Leben einfacher machen. Doch ist es wirklich ein Vorteil für alle Individuen, sowie für die Gesellschaft, wenn jede Person nur noch jene Leute trifft, auf die sie positiv reagiert? Es ist schwer auszumalen, was geschieht, wenn wir immer den Personen ausweichen, die anstrengend sind, uns herausfordern und kritisieren und somit Unwohlsein bereiten. Genau solche Personen sind unserer Meinung nach ungemein wichtig, wenn es darum geht, sich selber weiter zu entwickeln, die eigenen Standpunkte zu überdenken, uns aus dem Wohlfühlbereich herauszukitzeln und aufzuwecken.

 

Die Arbeit PeopleKeeper bewegt sich an einer Grenze einer normalen App und einer ironischen Bemerkung über diese. Damit provoziert sie die Auseinandersetzung mit dem Thema Automatisierung und Verantwortung. Genau dies ist auch die Stärke dieser Arbeit und unterscheidet diese App von einer wie MeteoSwiss. Nicht der Nutzen der Automation, sondern vielmehr die Auseinandersetzung mit eben diesem wird gesucht und gefordert, wie es keine handelsübliche Anwendung zum Ziel hat. Auch wenn PeopleKeeper ohne Hinterfragen verwendet werden kann und auch wird, konfrontiert sie das Gegenüber mit sich und stellt zusätzlich Fragen an eine weit grössere Anzahl Menschen als lediglich die Benutzer*Innen.

Beispielsweise wirft es unzählige Fragen auf bezüglich des Grades der Immersion von Applikationen in all unseren Lebensbereichen. Sie dringt in eine neue Sphäre des Trackings ein und testet die Möglichkeiten der Digitalisierung. Die nonverbale Kommunikation wird quantifiziert und klassifiziert. Das Erfassen und Auswerten von nonverbaler Kommunikation ermöglicht allen Benutzer*Innen einen komplett neuen Blick auf ihre wortlose Verständigung. Die Auswertung solcher Daten durch Individuen kann natürlich im Wissen um alte Reaktionen zukünftige Begegnungen beeinflussen.

Das Programm Pakett

Wir bekommen oft das Gefühl, dass die Technologie versucht unser Leben zu optimieren, in Hinblick auf Zeit und Geld und Bequemlichkeit. PeopleKeeper greift auch hier, da die Applikation sich damit rühmt, das Sozialleben aufzuräumen, zu verwalten und die Zukunft davon zu organisieren.

Die Arbeit von McCarthy und McDonald überzeugt dadurch, dass sie sehr verschiedene Aspekte der Digitalisierung sichtbar macht und die Diskussion darüber anregt. In diesem Sinne: ein Plädoyer für derartige Kunstwerke, die alltagstauglich und niederschwellig sind und dadurch ein breites Publikum ansprechen und uns wertvolle neue Perspektiven auf sich im Alltag manifestiertes bringen.

Julia Schicker and Anna Kaelin

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About Anna Kaellin Julia Schicker 12 Articles
Julia Schicker absolvierte einen Bachelor in Medialer Kunst an der ZHdK und studiert seit 2015 an der ETH Informatik. Anna Kälin absolvierte einen Masters in Art and Art Education und studiert sie Informatik an der ZHAW.