IT Feuer – Andrea Kennel

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Andrea Kennel
 

Andrea Kennel

Unternehmerin und Dozentin

Alter: 57
Kinder: Ein Sohn

„Informatik ist kommunikativ, kreativ und hilft die Zukunft zu gestalten. Hilf mit und engagiere Dich in einem der vielen Informatikbereiche.“

Werdegang: Studium und Dissertation in Informatik an der ETH, viele Jahre Beraterin im Bereich Datenbanken, seit 2005 mit eigener Firma, seit 2014 Dozentin an der Fachhochschule Nordwestschweiz in Windisch.
Ein Sohn, der ebenfalls an der ETH doktoriert hat.

Wie sind Sie in die IT-Branche gekommen?

Welches war Ihre erste Begegnung mit IT?   Wann, wie und warum haben Sie dann Feuer gefangen?
Die Kantonsschule hatte zwei WANG Computer und hat dann weitere «kleinere» Computer angeschafft und einen freiwilligen Informatikkurs angeboten. Dieser hat mir sehr gut gefallen, da ich gerne logisch und abstrakt denke und der Computer immer sofort Rückmeldung gegeben hat. Das hat mich dann auch dazu bewogen mir selbst einen Commodore 64 zu kaufen.

Wie alt waren Sie da?
Ca 16.

Wie alt waren Sie, als es ernst wurde und Sie sich
a) für eine Berufslehre entscheiden mussten?
b) für eine Studienrichtung entscheiden mussten?
Das war 1982, etwa ein Jahr vor der Matura. Da war ich zwischen 18 und 19 Jahre alt.

Was für alternative Berufe oder Studienrichtungen haben Sie damals ebenfalls interessiert?
In der Kanti war ich vor allem in Mathe und Physik sehr gut und in Informatik interessiert. Informatik gab aber keine Note, denn es war ein Freifach.
So wägte ich zwischen diesen drei Fächern ab und überlegte mir auch, was ich später in diesen Fächern arbeiten könnte. Bei Mathe und Physik sah ich nur den Lehrberuf, der mich damals nicht so sehr interessiert hat. Bei der Informatik, die damals erst an der ETH und ganz neu an der Uni Bern angeboten wurde, sah ich viel mehr Möglichkeiten. Für mich war klar, dass Informatik in der Zukunft in vielen Anwendungen gefragt sein wird. Eine Informatikausbildung öffnete mir viel mehr Möglichkeiten und berufliche Chancen.

Welche Infos hatten Sie damals über die Ausbildung und die Möglichkeiten danach?
Infos über das Studium gab es noch nicht viele, denn diese Studienrichtung war recht neu. Genau das aber hatte mich gereizt. Die Möglichkeiten waren nicht so konkret absehbar, aber es war klar, dass dieser Beruf vielseitige Möglichkeiten bieten wird. Ein Schnuppertag in einer Firma, wo ich mit einer Fachperson einen Primzahlenalgorithmus auf einem teuren Grossrechner implementieren durfte, hat mir riesig Spass gemacht und gezeigt, dass man in diesem Beruf kreativ tüfteln darf.

Was sprach dagegen aus Ihrer damaligen Sicht?
Eigentlich gar nichts.

Wer, welche Personen, welche Umstände haben für Sie damals gegen eine Laufbahn, in der IT zu gesprochen?
Es hat gar nichts gegen diese Ausbildung und Laufbahn gesprochen. Im Gegenteil, auch für den Fall einer späteren Mutterschaft, erwartete ich von einer hochqualifizierten Ausbildung, dass Fachkräfte gefragt sind und Firmen für Lösungen in Bezug auf berufstätig Mütter offen sein werden.

Was war letztendlich doch ausschlaggebend für Ihren Entscheid, in die IT zu gehen?
Es gab nie Zweifel.

Wer, welche Personen, haben Sie damals unterstützt?
Mein ganzes Umfeld hat mich unterstütz. Ein Schulkollege, der schon an der ETH war und Informatik begonnen hatte, konnte mir vom Studium erzählen und mich weiter motivieren. Meine Lehrpersonen haben meinen Entscheid genauso unterstütz wie meine Eltern, die beide an der ETH studiert hatten.

Wie verlief Ihr Weg nach der Ausbildung bzw. nach dem Studium?

Welches waren Ihre ersten Schritte nach dem Studium?
Da ich während des Studiums ein Zwischenjahr eingelegt hatte, stieg ich gleich nach dem Studium in den Beruf ein.

Wo standen Sie in Ihrer Karriere 5 Jahre nach Ende der Ausbildung/Studium?
Meine berufliche Karriere verlief anders als ursprünglich gedacht oder geplant. 13 Monate nach Berufsstart wurde ich Mutter. Für meinen damaligen Partner und heutigen Ehemann als auch für mich war klar, dass wir beide uns sowohl in der Familie als auch im Beruf engagieren wollten. Da ich aber beim damaligen Arbeitgeber keine Möglichkeit hatte, auch von zu Hause aus zu arbeiten, ging ich zurück an die ETH. Dort war es für mich möglich reduziert zu arbeiten und auch einen Teil von zu Hause aus. So konnte ich schon 1990 im Homeoffice arbeiten.
Fünf Jahre nach Studienende war ich Mutter eines vierjährigen Sohnes, der in die ETH Krippe ging und ich arbeitete an meiner Dissertation mit einer 80% Anstellung an der ETH. Mein Mann arbeitete 80% in der Privatwirtschaft.

Hatten Sie
a) Denselben Lohn wie Ihre männlichen Kollegen?
Die Löhne an der ETH waren genormt und ich gehen davon aus, dass ich dieselbe Lohnbasis hatte, wie meine männlichen Kollegen.
b) Dieselben Karrierechancen?
Das ist schwer zu sagen. Es gab durchaus Professoren, die Frauen weniger zutrauten als den Männern. In meinem direkten Umfeld war das aber klar nicht der Fall.
Wenn nein, warum nicht?
Ich habe mir mein berufliches Umfeld selber ausgesucht und so, dass es für mich gepasst hat.

Wie schätzen Sie die Entscheidung für die IT rückblickend ein?

Welche Ihrer Erwartungen wurden erfüllt?
Die Informatik ist vielseitig und bietet damit auch viele Möglichkeiten. Auch die Flexibilität bezüglich Koordination von Familie und Beruf hat sich bewahrheitet.

Was freut Sie am meisten an ihrer aktuellen beruflichen Situation?
Momentan bin ich Unternehmerin und Dozentin an der Fachhochschule. Ich geniesse die gestalterische Freiheit. Ich habe viel Eigenverantwortung und kann mir meine Arbeit selbst einteilen. Ich kann weiterhin «Tüfteln» und mein Wissen mit Studierenden austauschen.

Welche Ihrer Erwartungen wurden nicht erfüllt?
Eine klassische Karriere mit Führungsfunktion in einer grösseren Firma.

Würden Sie denselben Entscheid nochmals treffen?
Ja und dies mit Überzeugung.

Was bereuen oder kritisieren Sie?
Dass ich oft in einem eher von Männern dominierten Umfeld arbeite und selten in Teams, wo der Frauenanteil 50% oder grösser ist. Die Arbeit in gemischten Teams, wo ich nicht die einzige Frau bin, gefällt mir sehr.

Wie wäre/würde Ihre Laufbahn anders verlaufen, wenn Sie ein Mann wären?
Mit meiner Ausbildung hätte ich sicher mehr Chancen für eine klassische Karriere. Unterdessen habe ich aber die Vorteile der Freiheiten einer fachlichen Karriere schätzen gelernt.

Was würden Sie anders machen, und wie genau, wenn Sie könnten?
Eigentlich nichts.

Hätten Sie einen Zauberstab, was würden Sie sich wünschen?
Dass die Informatik weiblicher wird und «Nerds» verbannt werden.

Was raten Sie Ihrer Tochter?

Welche Ratschläge würden Sie ihrer 15-jährigen Tochter mit auf den Weg geben, wenn sie gern in die IT gehen möchte?
Bleib neugierig und offen. Bleib Deinen Träumen immer treu.

Was ist für Sie in beruflicher Hinsicht wichtig im Leben?
Freude am Beruf und der Arbeit.

Worauf müsste eine junge Frau, die im Jahr 2061 pensioniert wird, bei der Gestaltung ihre Laufbahn achten?
Freude an der beruflichen Herausforderung. Mut, zu überlegen und sagen, was man wirklich möchte.

Weitere Bemerkung:
Ein wichtiger Teil wird in dieser Umfrage ausgeklammert. Die Ausbildung selbst.
Anfangs Studium war ich etwas überrascht, dass wir von 200 Studierenden gerade mal 7 Frauen waren. So krass in der Minderheit war für mich neu und herausfordernd. Weiter kam dazu, dass im ersten Vordiplom mehr als 50% durgefallen waren und ich auch dazu gehört hatte. So stand ich vor dem Entscheid, ob ich wirklich weiter Informatik studieren soll. Viele Erwachsene in meiner Wohngemeinde äusserten sich bewundernd, dass ich als Frau ein solches Studium an der ETH absolviere. Dies war positiv gemeint, hat bei mir aber Zweifel ausgelöst, ob ich als Frau tatsächlich für die Informatik geeignet bin.
Die Tatsache, dass ich nicht als einzige das Vordiplom vermasselt hatte, sondern zur Mehrheit gehörte, hat mich dann doch motiviert. So habe ich dann endlich gelernt, wie man lernt. Denn ich musste feststellen, dass ich bis zum ersten Vordiplom ohne systematisches Lernen immer durchgekommen bin, dies aber nun nicht mehr reichte. Im zweiten Anlauf hatte ich das Vordiplom dann bestanden und auch den Rest des Studiums.
An die Tatsache, dass wir wenig Frauen sind, hatte ich mich mit der Zeit gewöhnt. Wir Frauen haben uns auch verbündet und mit Untersetzung von Professoren (damals gab es keine einzige Professorin in der Informatik) eine Frauengruppe gegründet. Wir unterstützen uns gegenseitig und zeigten auch gegen aussen, dass es Frauen in der Informatik gibt.

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Über sidm 208 Artikel
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