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Warum gibt es keine Schweizer IT-Industrie?

Die Informatik in der Schweiz begann 1948 mit der Gründung des Instituts für angewandte Mathematik an der ETH Zürich. 1950 hatte die ETH als zweite Universität auf dem europäischen Festland einen funktionstüchtigen programmgesteuerten Digitalrechner, die Zuse Z4. 1956 wurde die selber entwickelte Ermeth (elektronische Rechenmaschine der ETH) in Betrieb genommen. In dieser Zeit war die ETH auch massgeblich an der Entwicklung von Algol beteiligt.

Der programmierbare Rechenautomat Ermeth galt damals als Meisterleistung. Dennoch gelang es nicht, diese Maschine zu vermarkten. Der schwarze Peter wird üblicherweise der Privatwirtschaft zugeschoben. Wiederholt wurde bedauert, dass die einheimische Industrie nach der erfolgreichen Herstellung des ersten Schweizer Computers den Ball nicht aufgegriffen habe. Neue Funde im ETH-Hochschularchiv widerlegen diese Annahme – mindestens teilweise.

Anfragen aus der Industrie

Hans Pallmann, Präsident des Schweizerischen Schulrats, setzte eine beratende Kommission ein, die sich mit den Rechtsfragen zur Vermarktung der Ermeth und ihrer Bestandteile befasste. Sie bestand u.a aus Eduard Stiefel (Vorstand des Instituts für angewandte Mathematik), Ernst Baumann (Leiter der Abteilung für industrielle Forschung des Instituts für theoretische Physik).

Ermeth (elektronische Rechenmaschine der ETH)
Ermeth (elektronische Rechenmaschine der ETH)

Die Berner Hasler AG hatte im Sinn, die ganze Ermeth weltweit zu vermarkten

Im Januar 1955 fand an der ETH eine Besprechung zum geplanten Nachbauvertrag statt. Stiefel, Baumann und Speiser nahmen daran teil. Baumann ging von einem Verkaufspreis von etwa 1 Million Franken für eine Ermeth und Lizenzgebühren von 5–6% aus. Hasler werde wohl höchstens 10 Rechenmaschinen absetzen. Die ETH hätte 50 000 bis 60 000 Franken/Stück erhalten.

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Hat der Chefingenieur die Vermarktung der Ermeth verhindert?

Speisers bevorstehender Wechsel zu IBM hatte ein schweres Zerwürfnis mit der ETH und mit Hasler zur Folge. Auf Weisung des Schulratspräsidenten sprach Speiser im Juni 1955 beim Generaldirektor der Hasler AG, Karl Eigenheer, vor. Dieser habe sein Missfallen über den neuen Sachverhalt ausgedrückt.

Im Juli 1955 besuchten Pallmann und Stiefel die Hasler AG. In seinem vierseitigen Brief an Eigenheer hielt Stiefel die Ergebnisse der Besprechung schriftlich fest. Er erwähnt dabei, dass sein Institut der Firma Hasler die bisherigen technischen Ergebnisse zur Magnettrommel „in Form einer ausschliesslichen Lizenz ohne garantierte Lizenzzahlungen“ zur Verfügung gestellt habe.

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 Folgerungen

Mit seinem Stellenwechsel von der ETH zu IBM durchkreuzte Chefingenieur Speiser die Pläne Haslers, die Ermeth nachzubauen und zu vermarkten. Es kam zu einem schwerwiegenden Zerwürfnis. Speisers neue Tätigkeit für den Mitbewerber ist offensichtlich der Grund, dass es damals nicht zum Aufbau einer Schweizer Rechnerindustrie kam. Es war gewiss nicht Speisers Absicht, die Vermarktung seines „Kindes“ zu behindern oder zu vereiteln. Die tiefgreifende Verstimmung durch Speisers Arbeit für die Konkurrenz hatte aber bei Hasler zu einem Meinungsumschwung geführt.

Spätere Versuche

Leider scheiterten auch spätere Versuche, z.B. die Vermarktung des Tischrechners Lilith von Niklaus Wirth oder des Superrechners Gigabooster von Anton Gunzinger. Erfolgreich war hingegen die Westschweizer Zubehörherstellerin Logitech.

Quelle

Herbert Bruderer: Meilensteine der Rechentechnik. Zur Geschichte der Mathematik und der Informatik, De Gruyter Oldenbourg, Berlin/Boston 2015, 850 Seiten

http://www.degruyter.com/view/product/432414

 

Buchbesprechungen

Deutsche Mathematiker-Vereinigung
http://www.mathematik.de/ger/rezensionen/meilensteine-der-rechentechnik-2.html
http://mathematik.de/ger/rezensionen/meilensteine-der-rechentechnik.html

Beitrag zur Informatikgeschichte in Communications of the ACM:
http://cacm.acm.org/magazines/2017/2/212431-computing-history-beyond-the-u-k-and-u-s/abstract

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