Happy Digital Transformation in 2019!!

Alle reden mit, wenn es um die digitale Transformation geht! Nur von den IT-Ingenieuren, Wirtschaftsinformatikern und IT-Fachspezialisten hört man recht wenig. Manch eine/einer von uns muss gar den Tiefschlag erlebean gerade deshalb als unglaubwürdig abgetan zu werden, weil sie/er IT-Fachexpertise besitzt. Ich habe das das früher selbst erlebt, als ich eine Forschungsprofessur für Public Management und E-Government antrat und mir anhören musste, dass ich eben ein Ingenieur sei und deshalb gar nicht fähig zur strategischer Führung. Nur als es darum ging, durch Drittmittelforschung zwei Masterprogramme zu rechtfertigen, war der Ingenieur gefragt. Irgendwann hat sich für mich die Situation dann gedreht und ich musste umgekehrt erleben, dass Ingenieure mich als Gegner betrachteten, weil ich für sie zum Vertreter des betriebs- und volkswirtschaftlichen Denkens geworden war. Grundlos notabene, denn es gibt zwischen einer richtigen Ingenieursperspektive und einer richtigen ökonomischen Perspektive keinen Widerspruch – allein schon deshalb, weil beide die Mathematik intensiv nutzen, und die ist bekanntlich kulturneutral! Die Kritiken von beiden Seiten haben mich trotzdem geärgert: Es kann nicht sein, dass Fachdisziplinen miteinander kämpfen als wären sie Gegner in einem Religionskrieg!

Noch viel mehr ärgert es mich freilich, wenn ich nicht selber «Betroffener» bin, sondern wenn mir Kolleginnen und Kollegen erzählen, dass ihre Meinung in einer Diskussion zu digitaler Transformation nichts gilt, weil sie IT-Fachpersonen sind. Das ist bizarr! Da möchte man sich wünschen, dass für einmal Christian Morgensterns Prinzip aus den Korf-und-Palmström Gedichten gilt: «… weil nicht sein kann, was nicht sein darf», dass nämlich Fachexpertise gegen die Glaubwürdigkeit einer Meinung spricht.

Erste und wichtigste aktuelle Aufgabe der Schweizer Informatik Gesellschaft ist deshalb aus meiner Sicht, alles für eine hohe Reputation der IT-Fachpersonen zu tun und dafür zu sorgen, dass unsere Expertise im öffentlichen Diskurs zum Thema «digitale Transformation» gehört wird. Ausserdem sollten wir uns dafür einsetzen, dass die Arbeitsbedingungen für alle IT-Fachpersonen so sind, dass sie hochprofessionell arbeiten können. Um ein konkretes Beispiel zu bringen: Wenn ein Unternehmen eigene Software entwickelt, sind die wichtigsten Kunden des CTO die Software-Ingenieurinnen und Ingenieure! Sie benötigen Arbeitsumgebungen, die Effektivität und Effizienz sichern. Werkzeuge nicht bereitzustellen oder Organisationsstrukturen nicht zu gewährleisten, weil das nicht üblich ist im Unternehmen, das ist unprofessionelle Führung und erinnert an das Theaterstück «Der zerbrochene Krug» von Heinrich von Kleist.

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Es ist aber auch eine wichtige Aufgabe der Schweizer Informatik Gesellschaft, sich für die gesellschaftliche Verbreitung von IT-Fachwissen, Computational Thinking und Digital Skills einzusetzen! Und das nicht nur an Sekundarschulen und Gymnasien, sondern vor allem auch in den Geschäftsleitungen von Unternehmen und Ämtern! Keine Organisation kann hohe organisatorische IT-Maturität erreichen, wenn nicht fast jeder in der Geschäftsleitung über ein gutes IT-Grundwissen verfügt. Der Erfolg der Schweiz bei der digitalen Transformation von Wirtschaft und Staat hängt entscheidend davon ab, wieviel IT-Wissen es an der Spitze der Organisationen gibt. Diese Erkenntnis allein ist Grund genug, warum IT-Fachleute wichtige Stimmen im Diskurs über die digitale Transformation sind – Stimmen, die auch in der Gesetzgebung dringend benötigt werden. Denn der Staat muss vernünftige und faire Rahmenbedingungen für die digitale Transformation schaffen.

Es wäre aber falsch, das Spiel «wir gegen sie» zu spielen – und das nicht nur, weil es vermutlich vielen wir mir ginge, dass sie nicht wüssten, auf welcher Seite sie stehen. Entscheidend ist, dass bei der Gestaltung digitaler Lösungen alle Fachdisziplinen auf Augenhöhe miteinander zusammenarbeiten. Erfolgskritisch sind gegenseitiger Respekt über Disziplinen-Grenzen hinweg, der Wille zur kreativen Zusammenarbeit und die ethische Bereitschaft, Mitverantwortung für die Nutzer der entwickelten digitalen Lösungen zu übernehmen. Wir sollten uns alle dafür einsetzen, dass ausgehend von den IT-Fachpersonen sich die Ansicht durchsetzt, dass nur durch ein transdisziplinäres Miteinander die Chancen der Digitalisierung optimal genutzt und Risiken der Digitalisierung weitgehend vermieden werden können.

In diesem Sinn wünsche ich allen Mitgliedern der Schweizer Informatik Gesellschaft ein erfolgreichen und hoffentlich auch oft frohes und beglückendes 2019! Herzlichst,

Ihr Reinhard Riedl