Technology ≠ Digital Transformation

Viele leiten aus der Ungleichung “Technologie ≠ digitale Transformation” ab, dass wir weniger über Technologie reden sollten, weil es im Wesentlichen um Transformationsprozesse geht. Diese Schlussfolgerung scheint logisch zu sein – und trotzdem ist sie das Gegenteil der Wahrheit. Das Verstehen der Technologie ist die Grundvoraussetzung für das erfolgreiche Gestalten der digitalen Transformationen.

Betrachten wir die Situation aus Sicht der Verantwortlichen für digitale Transformationsprojekte, dann wird klar: Sie müssen wissen, was die Technologie heute kann, was sie in ein paar Jahren können wird und was ausserhalb der technischen Möglichkeiten ist oder nur zu extrem hohen Kosten technisch realisiert werden kann. Dieses Wissen ist ohne Innensicht auf das Funktionieren der Technologie nicht zu erwerben. Denn es gibt immer wieder Situationen, in denen eine Black-Box-Perspektive auf Technologie zu falschen Entscheiden führt. Das klassische Beispiel hierfür ist die sprichwörtliche Datenbankabfrage, die auch auf den grössten Server nie zu Ende kommt. So lange, bis man entweder auf die Anfrage verzichtet oder ein Mitarbeiter sich die Datenstruktur anschaut, die Abfrage umprogrammiert und die Abfrage plötzlich weniger als eine Sekunde braucht. Fast jeder von uns hat dieses Beispiel in der einen oder anderen Version schon einmal erlebt. So wie hier beschrieben, hat es mir ein Kollege von einer Grossbank vor 15 Jahren erzählt. Ich selber habe es in der Form erlebt, dass ein Uni-Server von einem meiner Mitarbeiter wochenlang in Beschlag genommen wurde für einfache Aufgaben. Bis ich herausfand, dass der Mitarbeiter davon ausging, dass er als Programmierer sich nicht um den Speicher kümmern müsse, weil dies die JVM tut. Auch bei sehr dünn besetzten sehr grossen Matrizen. Wie Sie sich leicht vorstellen können, konnten wir die Serverzeit dramatisch verkürzen.

Aber das Blackboxing der Technologie verführt nicht nur die Entscheider und die Nutzer zu Fehlentscheidungen. Es behindert auch auf ganz anderer Ebene noch den Erfolg. Es kommt ganz selten vor, dass man grosse Innovationsprojekte alleine mit dem Team, das sie implementiert, zum Erfolg bringen kann. Oft braucht es Hilfe von Team-Externen bei unvorhergesehenen Problemen. Fast immer braucht es das Grundverständnis derer, die mit der Innovation im Alltag umgehen müssen. Je mehr Verständnis für die einer Innovation zugrunde liegende Technologie in der Welt ist, desto grösser sind jeweils die Erfolgschancen. Schachspieler kennen das Prinzip der Prophylaxe aus dem Lehrbuchklassiker «Mein System» von Aaron Nimzowitsch: Wer starke Positionen von Bauern «überdeckt» (d.h. zu gut absichert), dessen Figuren gewinnen aus der Überdeckung Stärke. Analoges gilt für digitale Transformationsprojekte, die mehr Ressourcen als notwendig in die Vermittlung eines technischen Grundverständnisses investieren. Sie werden beflügelt. Denn Menschen mögen Technik, die sie verstehen.

Allerdings ist mein oben geschildertes Erlebnis zweischneidig. Man könnte mit gewissem Recht daraus den Schluss ziehen, dass Halbwissen schadet. Tatsächlich ist es ein ebenfalls sprichwörtlicher Alptraum aller IT-Spezialisten, dass Führungskräfte das bisschen IT-Wissen, das sie haben, für weitreichende Entscheide nutzen. Besonders gruselig wird es, wenn jugendlicher Programmiererfahrungen von anno dazumal Regie führen. Aber tatsächlich schlimmer sind jene Führungskräfte, die zig oder sogar hunderte Millionen in den Sand setzen, weil sie den IT-Small-Talk beherrschen, aber nicht das Gespräch mit ihren Ingenieuren. Für dieses Gespräch ist echte Neugier und technisches Interesse äusserst hilfreich.

So oder so, auch wenn Teilwissen oft schadet, können wir nicht darauf verzichten, möglichst viel über Technologie zu sprechen. Statt über Technologie nur mehr über wahnsinnige Geschäftsmöglichkeit und den sozialen Fortschritt durch die digitale Transformation zu reden (oder umgekehrt über Milliarden verlorengehender Arbeitsplätze), das heisst den Glauben an die Aufklärung aufgeben! Die Technik als solche nicht zu thematisieren ist längerfristig genauso gefährlich, wie über die von ihr geschaffenen möglichen Risiken nicht zu reden! Man kann nicht ohne Schaden eine treibende Kraft der Veränderung – und das ist nun einmal der technische Fortschritt – im öffentlichen Diskurs ignorieren. Die Schweizer Informatik Gesellschaft wird deshalb den genuinen Technologiediskurs in Zukunft in verschiedenen Formaten fördern.
Swiss Digital Summit 2018
¨
Eines dieser Formate ist der neu ins Leben gerufene Swiss Digital Summit, der erstmals am 27. September stattfinden wird, bei freiem Eintritt im Auditorium Maximum der ETH. Wir streben dabei einen Digitalgipfel der Neugierigen und Interessierten an, mit vielen Beiträgen aus der Schweiz und einigen Gastbeiträgen aus dem Ausland. Die Sache soll für ein Mal im Vordergrund stehen, nicht das Networking. Aber es wird sicher auch genügend Gelegenheit zum Networking geben. Primäres Ziel ist es, dass jede und jeder mit Interesse an der aktuellen Forschung, vom Digitalgipfel viel Wissen nach Hause bringen kann – auch wenn sie oder er kein Spezialist für das jeweilige Thema ist.
Selbstverständlich kommen auch die Themen Ethik, Bildung und Regulierung zur Sprache. Hier streben wir einen multi-kompetenten Diskus an. Beispiel Cyberwährungen: Es macht keinen Sinn, eine neue Cyberwährungspolitik zu diskutieren, ohne die Lessons Learned aus den letzten 150 Jahren Währungspolitik auf der ganzen Welt zu kennen. Nur mit Kompetenz in Geld, respektive Makroökonomie, und IT können wir hoffen, nachhaltige Cyberwährungsstrategien zu entwickeln. Beispiel: Digitale Demokratie: Hier braucht es Wissen in gleich mehreren Fachdisziplinen, ergänzt um Erfahrung mit den zahlreichen Partizipationsexperimenten der letzten Jahre.

Falls sie solche Ziele für unerreichbar halten. Ich hoffe, wir können Ihnen in den nächsten Jahren das Gegenteil beweisen!

Herzlichst, Ihr Reinhard Riedl

____________________

Swiss Digital Summit

Auditorium Maximum der ETH Zürich
27. September 2018
10:00 –  18:30

In Form einer allen Interessierten offenstehenden, jährlichen Veranstaltung vermittelt die SI neuestes Wissen über zukünftige und aktuelle Themen der Digitalen Welt, dieses Jahr unter dem Titel “Digital Summit” (ehemals “Technology Outlook”). Renommierte Referenten aus der internationalen Wissenschaftsszene berichten aus erster Hand in allgemein verständlicher Form über ihre Forschung in Quantencomputing, Neurocomputing, Künstlicher Intelligenz, Bildverarbeitung, innovativen Methoden der Programmierausbildung und Digitaler Ethik. Anlässlich einer Podiumsdiskussion werden Auswirkungen der Digitalen Transformation auf die Gesellschaft auf den Tisch gebracht.