Aufklärung 4.0

WARNHINWEIS: Lesen Sie diesen provokativen Artikel NICHT vor dem 31.12. Erst im neuen Jahr. Er hilft GUTE VORSÄTZE zu entwickeln – VERDIRBT aber jede Weihnachtsstimmung!

Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Digitalisierungs-Wahn und der digitalen Gesellschaft in Zukunft im mehrfach international ausgezeichneten (zuletzt zum besten Unternehmensmagazin in Deutschland, Oesterreich und der Schweiz) Y-Magazin für Standort- und Kultur-Förderung.

Herr Rickenbacher, alle Welt redet von „Industrie 4.0“. Was ist das? 

Es geht dabei um die Digitalisierung von Strategien, Prozessen, Organisationen und von nahezu jedem Gebrauchsgegenstand unseres Alltagslebens. Jedes Teil (und Prozess) wird weitgehend so ausgerüstet und total vernetzt, dass es per Internet erreichbar und digitalisiert ist, Statusmeldungen senden oder abgefragt / ausgewertet werden kann. Es ist der nächste (R)Evolutionsschritt in der globalisierten General-Optimierung.

Als Beispiel in der Bauindustrie (eine der grössten Anteile des Bruttoinlandsprodukt in der CH) heisst das neue Paradigma BIM – Building Information Modeling. Das ist ein multi-dimensionales Modell (keine Software!) und Prozess-Methode, zu dem alle Beteiligten via vernetzten Systemen per Internet Zugang haben und präzise Produktions- und singuläre Planungsdaten aber auch interdisziplinären Abhängigkeiten auswerten können, damit alles möglichst kosten- und prozessoptimiert Hand in Hand und in einem integrierten Prozess/Produktion entstehen kann.

Hierbei gibt es eine Schwelle, die zu überschreiten leicht fällt, die jedoch weitreichende Folgen hat. Um diese Prozessoptimierung zu gewährleisten baut in absehbaren nächsten Schritten jeder Bauteilelieferant nämlich in die von ihm gelieferten Bauelemente Chips / Sensoren ein, welche wiederum via Internet kommunizieren (IoT). Einerseits damit jeweils das richtige Teil zum richtigen Zeitpunkt zur richtigen Baustelle angeliefert und am richtigen Ort eingebaut wird. Und andererseits damit in der Zeit danach kontrolliert werden kann, ob es Materialermüdungen gibt, wann die nächste Wartung fällig wird – „predictive maintenance“ -, wann das Teil notfalls komplett ausgetauscht werden muss und wie Rückbau, Umnutzung oder Recycling – „total life cycle management“ – gemäss den Datenanalysen am besten zu erfolgen hat.

Diese durchaus einleuchtende Fertigungsoptimierung hat zur Folge, dass in jedem Bauteil und damit in jedem Wohnraum eine Vielzahl von Chips / Sensoren eingebaut sind, die alle mit dem Internet kommunizieren können (Internet of things, IoT). Ein so gebautes „smart connect home“ kann also vielerlei Daten liefern und verwandelt jeden Raum in einen „analysierten Raum“. Das kann theoretisch „eher negativ“ für eine lückenlose Überwachung (oder aber auch für immer ausgefeiltere, multi-channel DDoS-Attacken) aber auch „eher positiv“ für eine analysierte Optimierung genutzt werden. Wir müssen akzeptieren, dass z.B. IoT und generell die durchdringende 4. Industrielle Revolution 4.0 ein (angreifbarer) Teil von uns ALLEN wird.

Wir haben in den 70er und 80er Jahren ja schon Science Fiction Filme zur totalen Überwachung gesehen. Und haben damals darüber gelacht. Heute lachen wir nicht mehr. Heute ist es Realität! zudem tragen wir alle freiwillig unsere „persönlichen Abhör-Wanzen“ mit uns – in Form von Smartphones, Fitness Trackern, Wearables, smart watches und letztlich auch Apps. Alle diese exponentiell wachsenden Anzahl von „connected things“ sind letztlich aber z.b. manipulierbar und angreifbar von Staaten, Geheimdiensten, Unternehmen, Hackern und vorallem durch auch Botnetze, DDoS-Attacken und irgendwann durch die nächsten Generationen von „Artificial Intelligence“ mit allenfalls sogar nicht mehr 100% kontrollierbaren und einschätzbaren Super-Algorithmen und schwerst trennbaren, nicht mehr vollständig isolierbaren Multi-Channel-Vernetzungen?

 

Die Chancen einer Innovation – hier die Zusammenarbeit zu optimieren und die Kosten zu senken – können sich also auch zum Nachteil derer entwickeln, die sie bestellen? Glauben Sie, dass sich die Bürger das gefallen lassen werden? 

Weil wir alle mitmachen und es bequem und hype modern ist, alles mit dem Smartphones organisieren und optimieren zu können – vom Ticketkauf zum Erinnern an Termine und Aufgaben bis zur integrierten Assistenzfunktion (z.B. „Bots“ bis hin zu „Artificial Intelligence / KI“). Doch ist abzusehen, dass der Bequemlichkeitsvorteil eines Tages dem „digitalisierten“ Zwang weichen wird, alle (!) seine Daten abliefern zu müssen: „Digitalization is eating the world“

 

Das wird immer wieder behauptet. Aber ist diese Entwicklung schon absehbar? 

Wie bei der Digitalisierung unserer Welt üblich, wird auch dieser Übergang fliessend und schleichend sein – zu einer Zwei-Klassen-Gesellschaft, so meine Vision. Die eine Klasse – nennen wir sie A – sind pure Fans oder Fanatiker der Digitalisierung, eventuell gar eine „technokratische Elite“. Die andere Klasse – nennen wir sie B – sind die „digitalen Verweigerer“, eventuell gar eine Art „militante Online-Abstinenzler“.

A zahlt jeden Tag direkt oder indirekt für exzellent aufbereitete und sofort verfügbare Informationen aus dem Netz, nutzt die schnellsten Infrastrukturen weltweit, ist rundum digitalisiert und bei Innovationen an der Spitze.

B hingegen lehnt all das ab. Doch kommt eines Tages z.B. die Krankenversicherung und sagt: `Wir können Sie nicht mehr versichern, weil Sie keinen Fitness-Tracker tragen und wir so Ihr Bewegungsverhalten nicht einschätzen und unser Risiko nicht bewerten können. Und auch Ihr Kühlschrank gibt keine Informationen preis, ob Sie gesunde oder ungesunde Lebensmittel konsumieren. Kurzum: auch die Klasse B bewegt sich im sogenannten „(teil)analysierten Raum“ und wird längst mitanalysiert …

In jedem Fall stellt sich in diesem nicht anzustrebendem Setting die Frage nach Themen wie z.B. der Solidaritätsgrenze! Inwieweit trägt A die „vorgeblichen“ Risiken von B mit, was sich ja auch für A in einem höheren Beitrag und Mitverantwortung ausdrücken kann.

Aber vermutlich werden sich beide Klassen noch in vielen weiteren Punkten unterscheiden: A wird in sogenannten Smart-Cities leben, die chic, teuer und modernst ausgestattet sind. Aufgrund der besseren Ausstattungen kann A sogar auch höher bezahlte Berufe z.B. als „Informations- oder Wissensarbeiter“ ausüben und so den „höheren“ Lebensstandard finanzieren.

In vielen Gross-Städten gibt es bereits solche Bereiche von „Smart Cities“, in denen die Sensorendichte in Privat- und Geschäftsräumen einzelne Quadratmeter beträgt. Jeder Quadratmeter liefert also neue Informationen über das Verhalten der Nutzer im analysierten Raum. Das wird bereits jetzt gnadenlos für Analysen, Werbung und andere „bequemlichkeits-unterstützende“ Zwecke genutzt … Informationen als nie versiegende Ölquelle und Kontrolle!

Aber zurück zur Vision: B wird hingegen in Städten leben, die ein langsames Netz und „schlechter aufbereitete“ Informationen haben, wo vieles zu Fuss und manuell gemacht werden muss, wo mehr Menschen leben werden, die weniger verdienen können und weniger Chancen und schlechtere weil nur teil-digitalisierte Voraussetzungen für ihre Berufe haben.

Und sehr viele Berufe der Zukunft, werden mit der digitalen Welt zu tun haben! Früher war ein Traumberuf Astronaut oder Feuerwehrmann. Heute hört oder liest man vielfach schon „irgendwas mit Daten …“ als Data Scientist, Big Data Analytics, Robotik, AI-Technologien oder App Entwickler etwa.

 

Das hört sich nach den Horrorvisionen von Aldous Huxley´s „Schöne neue Welt“ an. !

Man muss die Fäden, die unser jetziges Leben bereits durchwirken, weiterspinnen und Aufklärung sowie aktive Begleitung betreiben gegen Ängste und Widerstände. Dann sieht man mehr. Nämlich das total vernetzte Netz des „Informations-Universum“, das sich daraus spinnt in einer Perfektion wie eine Spinne. Bislang war das Netz ja immer etwas, das alle verbindet. Es kann aber auch zu einem Netz werden, das uns alle umgarnt – und fesselt.

Hinter all dem steht nicht nur ein nächster Schritt unserer Evolution sondern auch der Plattform-Kapitalismus, der mit seinen Netzwerken, Plattformen, Clouds und Apps zum Teil eine Form der modernsten Bauernfängerei betreibt, um auf spielerische oder vordergründig praktische und innovative Weise an unsere Daten und damit an unser „digitales“ Leben zu kommen versucht. Mittlerweile sind viele von uns in eine gefährliche „System-Gläubigkeit“ verfallen und lassen sich alles gefallen auf Basis einer „Bit- und Pixel-Ansammlung“.

 

Ich erinnere mich an das Jahr 2000, wo mir führende Vertreter der deutschen Wirtschaft gesagt hatten: `Vergessen Sie das Internet. Nach der Dotcom-Blase ist das eine Totgeburt.´ Und jetzt – 16, 17 Jahre danach – funktioniert nichts mehr ohne genau dieses Netz. 

An vielen Beispielen kann man sehen, wieviel Fehleinschätzung im Spiel ist. Das total vernetzende Internet als Basis an sich ist ja nichts Negatives. Denn es war bisher etwas grundsätzlich Neutrales. Wie ein Hammer, dem man auch keinen Vorwurf machen kann, wenn damit jemand erschlagen wird.

Die Daten und Informationen, die sich in diesem virtuellen Raum befinden, werden jedoch zunehmend komplexer analysiert. Aber von wem? Zur Zeit sind das noch Menschen, die sich durch das Kleingedruckte die Einwilligung zur umfassenden Analyse und Nutzung der Daten geben lassen. Oftmals ohne dass der Einwilligende die Bedingungen überhaupt liest.

Allein das ist schon fragwürdig genug. Aber die Entwicklung von künstlicher Intelligenz schreitet voran. Und da kann durchaus ein weiterer Qualitäts- und Innovationsprung eintreten: Was ist wenn ein Algorithmus in die Verarbeitung der Daten eingesetzt wird, der aufgrund der hohen Datenkomplexitiät in einer ungewollten oder gefährlichen Eigendynamik selbständig Entscheidungen fällt?

Das ist technologisch theoretisch denkbar. Die gesellschaftlichen und juristischen Implikationen sind jedoch alles andere als geklärt.

 

Wie meinen Sie das?

Ein konkretes und immer wieder genanntes Beispiel: Ein autonom fahrendes Fahrzeug sieht sich mit einer Situation konfrontiert, in der sich ihm eine Herde von 5 Kühen in den Weg stellt. Das Fahrzeug weicht ihnen aus und muss wählen zwischen zwei Möglichkeiten – nämlich ein Ehepaar zu überfahren, das am Strassenrand steht, oder in eine Gruppe Schulkinder zu fahren. Oder das Fahrzeug behält den Kurs bei, fährt in die Kuhherde und zerstört sich selbst. Wie entscheidet das Fahrzeug?

Zur Zeit kümmern wir uns eher primär um eine technologische und juristische Lösung eines solchen Konfliktes – anstatt um die ethische Fragestellung: Können wir grundsätzlich die Verantwortung für solche Entscheidungen überhaupt an elektronische Systeme abgeben?

Wenn „ja!“ ist derjenige, der nicht das technologisch besser ausgestattete Fahrzeug besitzt, für das Gemeinwohl gefährlich. Weil sein Auto Mensch und Tier „noch“ nicht unterscheiden kann. Doch kann man ihn dafür juristisch verantwortlich machen? Was ist, wenn er zur oben angesprochenen Gruppe B gehört, die sich „nur“ ein solches Auto wirtschaftlich leisten kann? Nicht dasjenige mit der besseren Software?

Ich fürchte: Unsere Ethik wurde längst erweitert durch die „Informations Ethik“… das heisst jedoch bei weitem nicht, dass gewisse Entscheidungen nun einfacher werden … Das Primat der wirtschaftlichen Interesssen ?

 

Aber ist denn das alles realistisch?

Das mag sich zur Zeit noch nach Science Fiction anhören, weil wir erst allmählich begreifen, was aus den zur Zeit in voller Systemgläubigkeit abgelieferten digitalen Daten gemacht werden KANN. Aber solche Entwicklungen, die auch hilfreiche Innovationen und Nutungsoptimierungen für uns parat haben, sind Realität!

Erschwerend kommt hinzu, dass hier keine Langzeiterfahrung existiert und wir daraus keine Lösungen für die aktuellen Herausforderungen der Digitalisierung ableiten können. Und: Uns fehlt die Zeit dazu, da alle Welt begeistert bei der fortschreitenden Entwicklung mitmacht, vielfach auch Risiken und Privacy-Themen sträflich vernachlässigt und mitunter keine oder nicht umfassende Strategie zugrundelegt.

Weil sich mit dem „Plattform-Kapitalismus“ sehr viel Geld verdienen lässt, werden wir mit Vorgaben aus Industrie und Regulation zu deren Nutzen regelrecht überrollt und verlieren unsere „Leadership“. Wir werden förmlich zu reinen „Followern“ der Digitalen Entwicklung statt zu Gestaltern!

 

Entstehen daraus auch Chancen? 

Die Rahmenbedingungen für Jungunternehmen und Start Ups sind sehr gut für jegliche Innovations-Adaptierungen!

Im Bildungswesen – z.B. „Lehrplan21“ – werden Kompetenzen in Programmier-Sprachen und Informations-Management / -Nutzung wichtige Bereiche werden.

Aus meiner Sicht werden wir gefordert, zunehmend interdisziplinär und gemeinsam zu agieren und sämtliche verfügbaren, unterschiedlichen Expertisen („share to evolve“) aus allen Fachbereichen ins Feld zu führen – besonders unsere Stärken der vereinten „Human Power“ – ich hoffe nicht irgendwann gegen „Machine Power“ / „Artificial Intelligence“ sonder lieber gemeinsam … auch hier: „best out of all“ wird in der Kombination von Mensch und Maschine ungeahnte Potentiale erschliessen aber leider auch Risiken und weitere offene Flanken mit sich bringen.

 

Die 68er Generation in Deutschland hatte ihren Vätern und Müttern vorgeworfen, dass sie beim Nationalsozialismus mehr oder minder unkritisch mitgemacht hätten. Können uns unsere Kinder in Bezug auf die Digitalisierung nicht dasselbe vorwerfen? Nämlich nichts dagegen unternommen zu haben?

Damit die Digitalisierung nicht so einfach über uns hinwegrollen kann, sollten wir jetzt, wo wir erste Fehlentwicklungen erkennen können, entsprechende Steuerungsmassnahmen einleiten.

Das fängt im Kleinen an! Denn die Millionen „kleinen Situationen“ der Smartphone-Nutzung haben ja auch die jetzige grosse Entwicklung begünstigt: Deshalb sollte jeder von uns immer wieder bewusste „Offline-Momente“ einhalten – das sogenannte „digital detoxing“ – in denen wir sowohl Smartphone als auch Notebook bewusst ausschalten.

Mein fünfjähriger Sohn Fabrizio Milo kommt regelmäßig zu mir und sagt: `Papala, Notebook Pause!´, klappt es zu und will mit mir was unternehmen. Herrlich und Ideal, ganz analog.

In unserer Gegenwart haben wir noch so viele Momente davon, dass wir denken, wir könnten sorglos damit umgehen. Aber diese Zeit neigt sich dem Ende: Wir müssen sie rekultivieren!

Und vorausblickend müssen wir uns mit allen juristischen, philosophischen, ethischen und vor allen Dingen menschlichen Kräften Gedanken machen, wie wir die digitale Entwicklung strukturieren und mitgestalten – als „Leader“, nicht als gedankenlos bequeme „Follower“

 

Das ist ein guter Vorsatz fürs neue Jahr! Oder?

Ja. Absolut! Denn zu guter Letzt bringen uns Maschinen bisher „nur“ von A nach B… unsere hinzugefügte menschliche Vorstellungskraft hingegen bringt uns überall hin!

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Fridel Rickenbacher ist Mitgründer, Partner und Verwaltungsrat des Wollerauer ICT-Total-Unternehmens MIT-GROUP – sowie Mitglied von diversen Fachgruppen wie z.B. „Privacy und Security“ und „Informationsethik“ bei s-i.ch, der Schweizerischen Informatikgesellschaft, Akteur bei “Nationale Strategie gegen Cyberrisiken (NCS)” des Bundes, bauen-digital.ch, isss.ch und Redaktions-Mitglied bei swissICT. Kurzum: Er ist ein profunder Gesprächspartner aufgrund internen und externen Projekt-Erfahrungen / Audits / Coaching / Engineering zu virulenten Themen, nämlich wie “Privacy & Security”, “Information Ethik”, “best out of all clouds”, “eHealth” und deren Auswirkungen auf die “digitalisierende” Unternehmen und Gesellschaft.

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Fridel Rickenbacher ist Mitgründer des Wollerauer ICT-Total-Unternehmens MIT-GROUP – sowie Mitglied von diversen Fachgruppen wie z.B. „Privacy und Security“ und „Informationsethik“ bei SI, und Akteur bei “Nationale Strategie gegen Cyberrisiken (NCS)” des Bundes.