Und was macht das Internet?

Das Internet wird von der westlichen Gesellschaft täglich gebraucht. Es erleichtert die Kommunikation und macht viele Prozesse in unserem Leben einiges einfacher. Doch was genau sind die Infrastrukturen, die sich dahinter verbergen? Wie wirken sich das Internet und die immensen, andauernd grösser werdenden Daten auf die Umwelt aus? Wie stark sind Nutzer*innen des Internet damit beschäftigt, sich gegenseitig zu überwachen? Auf welche Weise werden Daten von Internet-Nutzer*innen gebraucht, ohne dass sie davon wissen? Wie spielt die Geopolitik in die Sammlung von Daten hinein? Diesen und ähnlichen Fragen geht die spanische Künstlerin und Forscherin Joana Moll mit Ihren Arbeiten nach. Sie ist weltweit präsent mit zahlreichen Vorträgen und Aufführungen und sie wird in Ausstellungen gezeigt. Darüber hinaus ist sie Mitbegründerin der Critical Interface Politics Research Group am HANGAR und Mitbegründerin des Institute for the Advancement of Popular Automatisms.

Ihre Arbeiten und Vorträge sind ein Terrain der Meta-Reflexion über Whistleblowing und Überwachung. Auch wenn sie einen sehr aktivistischen Charakter haben, bezeichnet sich Joana Moll lieber als Internet-Dokumentarin denn Aktivistin. Sie konzentriert sich stark auf die Entwicklung pädagogischer Strategien, da die meisten Menschen aufgrund fehlender Kenntnisse nur beschränkte Möglichkeiten haben, in diese Prozesse einzugreifen.

Virtual Watchers heisst eine Arbeit von Joana Moll, in der sie sich mit dem Selbstjustiz-Gedanken, welcher durch öffentlich einsehbare Überwachungskameras entsteht, befasst. Die Arbeit basiert auf der Webplattform RedServants, welche 2008 ins Leben gerufen wurde, und Privaten Zugang zu 200 Kameras und Sensoren verschafft, welche an der Grenze zwischen der USA und Mexiko angebracht sind. Auf der Plattform können User die Grenze überwachen und mögliche illegale Übertritte melden. Zur Plattform gehört ebenfalls eine Facebook-Gruppe, in der rege diskutiert wird und Informationen ausgetauscht werden. Joana Moll hat in Virtual Watchers die Benutzer*innen dieser Facebook-Gruppe genauer analysiert, alle Konversationen gesammelt und Profile der User erstellt. Alle Daten können auf http://www.virtualwatchers.de/VW.html eingesehen werden. Die Arbeit setzt sich kritisch mit Crowdsourcing auseinander, da eigentlich staatliche Aufgaben an Private abgegeben werden. Wie man in den Kommentaren lesen kann, sind die Privaten hell begeistert von der Möglichkeit mitzuhelfen, “ihre” Grenze zu schützen. Der “Grenzschutz” wird zu einer Video-Game ähnlichen Freizeitbeschäftigung. Man meldet einen Übertritt, und die Grenzschutzbehörde macht sich auf den Weg. Crowdsourcing ist eine zukunftsweisende Möglichkeit, auf eine einfache Art viele Daten zu sammeln. Jedoch sollte es nicht an Überlegungen dazu fehlen, wie wir als Gesellschaft mit solch einer Idee umgehen wollen, zu welchen Zwecken sie benutzt werden soll und was sie mit der Gesellschaft macht, respektive wie sich unsere Gesellschaft dadurch verändert.

Eine weitere Arbeit von Joana Moll, Algorithms Allowed, beschäftigt sich mit geopolitischen Prozessen. Die Arbeit basiert auf der Erforschung und Aufdeckung der vielen US-Tracking- und Online-Diensten, die in Websites von US-Embargoländer eingebettet sind. Die USA setzen derzeit Embargos und Sanktionen gegen Kuba, den Iran, Nordkorea, Sudan, Syrien und die ukrainische Region Krim durch. Somit sind alle Transaktionen mit diesen Ländern verboten und werden von der US-Regierung stark bestraft. Dennoch hat Joana Moll Google-Tracker auf der offiziellen Webseite Nordkoreas gefunden. Solche Tracker werden benutzt, um die Nutzung einer Website zu überwachen, also zum Beispiel wie oft und von welchem Publikum eine Seite besucht wird. Nach dem Fund hat Joana Moll versucht, diese Tracker auf Ebay als .txt-Datei zu verkaufen. Obwohl es sich bei dem Gegenstand nur um ein immaterielles Datenelement handelte – Eigentum eines US-Unternehmens – wurde er sofort von einem Bot verboten, einem weiteren Code, der für die Durchsetzung der US-Politik zuständig ist. Die Arbeit zeigt so das unklare Verhältnis zwischen Code, öffentlicher Ordnung, Geopolitik, Wirtschaft und Macht in der Ära des Überwachungskapitalismus.

 

Was Macht das Internet?
The Virtual Watchers von Joana Moll

In CO2GLE untersucht Joana Moll, wie viel CO2 von Google ausgestossen wird. Dass Fleischkonsum und Flugreisen die Umwelt stark belasten ist in aller Munde, doch wie stark sich unsere Internet-Nutzung, die Serverkühlung und die Produktion von Geräten, auf die Umwelt auswirkt, ist schwer zu fassen und wenig diskutiert. Mittels einem simplem Bildschirm mit einer Zahl die zeigt, wie viel CO2 seit dem Anschalten ihrer  Arbeit von Google ausgestossen wurde, macht sie auf sehr einfach Weise einen Teil des Internets sichtbar und vergleichbar mit anderen CO2 Produzenten.

Joana Moll’s neueste Arbeit, welche sie zusammen mit dem Tactical Tech Kollektiv entwickelte, ist The Dating Brokers. Für diese Arbeit wurden eine Million Online-Dating Profile für 136€ gekauft. Diese Profile stammen von verschiedensten Online Dating Plattformen, welche die Daten untereinander verkauften, um ihre Webseiten mit User zu bevölkern. Die gekauften Profile enthielten Fotos, E-Mail-Adressen, Usernamen, Nationalitäten, Geschlecht, Alter und detaillierte Informationen über die jeweilige Person, wie zum Beispiel einen Text, in dem sie sich vorstellt. Die Fragen, die diese Arbeit aufruft, sind auch solche des Vertrauens gegenüber Firmen. Viele Personen denken nicht weiter darüber nach, was mit den freiwillig und gratis freigegebenen Daten anderes geschieht, als was sie damit geplant haben. Sie erhalten einen Service und sind zufrieden sofern dieser gut ist, ahnungslos wie wenig der Service Wert ist im Vergleich zu den der Firma geschenkten Informationen. Damit geht diese Arbeit thematisch in eine ähnliche Richtung, wie diejenige von Jennifer Lyn Morone, über die wir im Dezember geschrieben haben (siehe https://magazine.swissinformatics.org/de/what-are-you-worth/)

Die Haltung von Joana Moll ist, dass die Überwachung heutzutage allgegenwärtig und nicht mehr nur den Behörden und der Regierungen vorbehalten ist. Stattdessen kann jeder, der einen Online-Service betreibt, ein “Überwachungsagent” werden. Gleichzeitig werden die überwachten Benutzer*innen nur von wenigen Online-Tracking-Verfahren informiert oder alarmiert. Laut der Künstlerin gibt es einen extremen Mangel an Transparenz in diesem Bereich. Hinzu kommt, dass Benutzer*innen, welche keiner undurchsichtigen Überwachung ausgeliefert sein wollen, automatisch vom Zugriff auf und von der Nutzung des Online-Dienstes ausgeschlossen werden.

Joana Moll will dazu auffordern, eine kritische Perspektive einzunehmen, und zu hinterfragen, wie wir mit dem Internet und mit den zusätzlichen Möglichkeiten welche das Internet bietet umgehen. Am 11. April wird sie in Zürich von ihren Arbeiten erzählen. Der Vortrag findet an der ETH statt, im Gebäude CAB (Universitätstrasse 6), Raum G11 und dauert von 17.30 – 18.30 Uhr.

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About Anna Kaellin Julia Schicker 18 Articles
Julia Schicker absolvierte einen Bachelor in Medialer Kunst an der ZHdK und studiert seit 2015 an der ETH Informatik. Anna Kälin absolvierte einen Masters in Art and Art Education und studiert sie Informatik an der ZHAW.

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